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Re: aktuelle Knollenblätterpilzvergiftungen

proletus, (vor 7360 Tagen) 117 Beiträge @ Ingo

Hallo Pilzfreunde,
in letzter Zeit häufen sich hier die Fragen nach dem Speisewert einiger
Pilzarten.
Weiterhin kam das Thema Pilzvergiftungen im Zusammenhang mit guten Arten
zur Sprache. Ungekrönter Spitzenreiter ist wie so oft der Hallimasch. Das ist
kein Wunder,
da die Hallimaschbüschel in einigen Regionen momentan massenhaft erscheinen.
Was mir aber momentan unter den Nägeln brennt, ist ein anderes Thema.
Leider fand gestern im Rahmen des Beitrages zu einem tollen Fund eines
Ochsenröhrlings
einer kleiner Nebendisput statt, dem meiner Meinung nach wesentlich mehr
Aufmerksamkeit
gebühren muss. Daher möchte ich dem Thema hier nochmal die ihm gebührende
Aufmerk-
samkeit verschaffen.
Es geht mir um die 12 Vergiftungen mit dem Phalloides Syndrom in
Westdeutschland.
Verglichen mit diesen Vergiftungen sind die Hallimaschallergien etwa so
einzuordnen
wie ein gebrochener Zeh. Tut weh - wird aber wieder!
Leider konnte bisher niemand einen der betreffenden Beitrage der Tagespresse
hierher
verlinken. Daher hier nochmal kurz der Grundtenor der Beiträge: Es handelte
sich bei den Vergiftungsopfern angeblich um Spätaussiedler aus dem Bereich
der
ehemaligen SU, die bei der Suche nach Grünlingen Grüne Knollenblätterpilze
als solche
erkannt und verwertet haben wollen. Vorneweg – es geht mir hier nicht um den
Grünling.
Der von dieser Art möglicherweise verursachte Muskelschwund scheint nach den
letzten
Berichten, rechtzeitig erkannt, auch erfolgreich zu kurieren sein.
In meiner ersten Reaktion auf den gestrigen Bericht befand ich, dass eine
Verwechslung
von Amanita phalloides mit Tricholoma equestre eigentlich unmöglich sein
sollte.
Daher verwies ich auf einen mir bekannten Artikel, nachdem es eher
wahrscheinlich ist,
dass die Neubürger es auf den Gelben Knollenblätterpilz abgesehen hatten.
Ich habe mich gestern mal in meiner Literatursammlung umgesehen und den
fraglichen
Beitrag auch gefunden. Erschienen ist er im “Tintling“ Nr. 28 vom 27.Oktober
2001.
Der Beitrag stammt von dem bekannten Sachverständigen für Pilzvergiftungen,
Herrn Harry Andersson aus Braunschweig, der unter anderem auch für das
Giftinformations-
zentrum Nord in Göttingen tätig ist. Herr Andersson veröffentlichte in jenem
Beitrag seine
Erkenntnisse, die er in einem, seinerzeit, aktuellen Vergiftungsfall mit
ebenfalls zwei
vergifteten Spätaussiedlern machte. So kam Herr Andersson zu dem Schluss,
dass sich die
betreffenden Personen eben nicht mit Knollenblätterpilzen vergifteten, weil
sie diese mit allseits
bekannten Speisepilzen verwechselt hatten. Wozu denn auch. Diese Speisepilze
kommen auch in
Osteuropa zum Teil häufig vor, sind dort gut bekannt und in der Regel auch
gängige
Marktpilze. Als Verursacher wurde vielmehr eine Art ermittelt, die
hierzulande keinerlei
Speisewert hat und in der Literatur häufig auch als Giftpilz eingestuft wurde
– grundlos
übrigens, wie aktuelle Untersuchungen ans Licht brachten, nämlich Amanita
citrina.
Der gelbe Knollenblätterpilz scheint zumindest nach aktuellen Erkenntnissen
In Osteuropa ein
häufiger Pilz zu sein. Wogegen die Verbreitung des Grünen
Knollenblätterpilzes gen Osten abzunehmen
scheint.
Das halte ich ebenfalls für eine logische, wenn auch für die umgesiedelten
Gewohnheitssammler
bedrohliche Erklärung. Ich möchte auch davor warnen (wenn ich das darf?), die
neuen Mitbürger
in dieser Hinsicht zu unterschätzen.
So veröffentlichte Herr Dr. Amalang von der UNI Greifswald vor einiger Zeit,
ebenfalls im “Tintling“,
einen umfangreichen Bericht, nachdem er verschiedene Gebiete in Russland
bereist hatte.
Im Wesentlichen kommt er zu dem Ergebnis, dass die Leute dort auf Pilze als
Nahrungsergänzung
angewiesen sind und auch Arten verwerten, die hierzulande maximal noch als
Foto im Forum herhalten
dürfen. Allerdings sollen sich die Menschen dort sehr wohl bewusst sein, was
sie sammeln und wie
sie es am besten verwerten können. Selbst in armen Regionen möchte sich
sicher niemand
seine Gesundheit zerstören. Vor allem, wenn man bedenkt, dass das
Gesundheitssystem dort
mit unserem nicht vergleichbar ist.
Soweit zu den Zitaten aus der mir vorliegenden Literatur.
Mein Problem ist nun folgendes: Scheinbar werden die Grünen
Knollenblätterpilze hierzulande von einigen Spätaussiedlern mit
anderen, essbaren Wulstlingen verwechselt. Allein aus dem Grund, dass der
Giftpilz dort nicht
vorkommt und diese Leute keinerlei Kenntnis von der Gefahr für Leib und Leben
haben.
Ich weiß nicht, ob nach den seinerzeitigen Vergiftungsfällen irgendwelche
vorbeugende
Maßnahmen erfolgten. Wenn welche erfolgten, dann ohne Wirkung, wie die
aktuellen
Vergiftungsfälle zeigen.
Wäre es nicht möglich, bei dem ganzen Wust an Billigveröffentlichungen, die
zur Zeit
im Buchhandel kursieren, wenigstens von verantwortlicher Stelle aus ein
bebildertes
Informationsblatt für die Mitbürger, nach Möglichkeit in russischer Sprache,
zu erstellen
und an diese zu verteilen?
Was würde so was kosten? Sicher doch keine 500.000,-€ - oder?
In einem aktuellen Artikel habe ich gelesen, dass eine Vergiftungsbehandlung
mit dem
Phalloides - Syndrom im Schnitt ca. 10.000,-€ kosten soll. Allein aus
finanzieller Sicht
sollte es doch im Interesse der Krankenkassen liegen, solche Kosten zu
vermeiden.
Wäre das eigentlich nicht auch einmal ein praxisbezogenes Thema, wo die DGfM
überregional
Profil zeigen und auf ihre Kompetenzen in Sachen Pilze verweisen könnte?
Und nebenbei – geht es nicht auch um Menschenleben?!
Ingo

Hi Ingo
Die Rus sammeln den Pilz (Amanita citrina) wegen seiner halluzionogen Wirkung.
Das es da zu Verwechslungen mit phalloides kommen kann liegt vielleicht an der Menge des Wodkasyndroms. Um die Krankenkassen bezüglichen Kosten zu senken, wäre es denkbar jedem unsachgemäss Informierten einen sachlich informierten zur Seite zu stellen.
Mit LG Chris

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