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Frage zum "Kalken" von Wäldern

HoBi, (vor 6271 Tagen)

Hallo liebe Pilzfreunde,

aus aktuellem Anlass haben wir mal eine Frage an Euch.
Laut einem Bericht der lokalen Tageszeitung von heute wurde im Laufe der Woche
per Hubschrauber der Wald in einigen Gebieten in unserer Gegend gekalkt.
Dies soll angeblich seit den 90er Jahren regelmäßig hier passieren.
Mitbekommen haben wir allerdings von diesen Aktionen bislang nie etwas.
Wir kennen die betroffenen Gebiete gut und es handelt sich um recht gute
Pilzgebiete.
Von einem Pilzexperten hörten wir, daß das Kalken von Wäldern sich negativ auf die
dort vorkommenden Pilzarten auswirkt.
Z. B. sollen Boleten seitdem fast gänzlich ausbleiben. Wir können diese Feststellung
hier bei uns jedoch noch nicht bestätigen.
Hat jemand von Euch evtl. auch Erfahrungen, die das eine oder andere bestätigen können?
Müssen wir uns nun Sorgen machen?

Würden uns über Antworten sehr freuen!

Viele liebe Grüße und ein schönes Wochenende wünschen

Sabine & Holger

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Re: Frage zum "Kalken" von Wäldern

Goldsucher, (vor 6271 Tagen) @ HoBi

Das Kalken ist in dieser Form einer Düngung des Waldes gleichzusetzen. Es werden durch die Kalkung Nährstoffe leichter freigesetzt, welche durch die Monokulturbewirtschaftung, vor allem mit Nadelbäumen durch Versauerung des Bodens gebunden bleiben. Die Änderung im PH-Wert hat natürlich Auswirkungen auf das Pflanzen- bzw. Pilzwachstum. Wenn Bäume aufgrund der Nährstoffarmut im Boden Symbiosen mit Mikorrhiza-Pilzen eingehen kommt es zu einem Anstieg dieser Pilzarten. Bei Düngung werden die Mikorrhiza-Pilze von den Bäumen nicht mehr gebraucht.

Das Problem liegt in der Vergangenheit. Seit dem 18. Jhdt sind unsere Wälder als Produktionsstätten genutzt. Vorher waren das oft Hutwälder mit kaum Baumverjüngung. Unser Alpen haben nun großteils die 4. Generation von Fichtenmonokulturen (80-100 Jahre/Gen.) hinter sich. Das hat Unmengen von Nadelstreu auch in Hanglagen angehäuft. Dieses Nadelstreu verrottet nur sehr langsam. Es ist durch die Wachsschicht wasserabweisend und wirkt deshalb auch negativ für die Wasserretention der Wälder, was wir an der Zunahme der Überschwemmungen in den letzten Jahren merken.

Seit ca. 20 Jahren versucht eine moderner eingestellte Forstwirtschaft durch Mischwaldnutzung oder Auflockerung dieser Monokulturen den Stoffumsatz zu erhöhen. Die Kalkung ist natürlich ein sehr grenzwertiger Versuch, der am Anfang dieser Überlegungen stand. Genauso wurden früher die Jungfichten mit Blaukorn gedüngt, was natürlich das Pilzwachstum vernichtete und jetzt bei den 30 - 50 jährigen Waldbeständen verheerende Folgen hat.

Interessant in diesem Zusammenhang ist auch die Abnahme der Luftverschmutzung, insbesondere der SO²-Verbindungen. Hier nehmen Viruskrankheiten in der Pflanzenwelt zu. Ich nehme an, das das Pilzwachstum durch die Abnahme der Luftverschmutzung gefördert wird.

Meint Bernd

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Re: Frage zum "Kalken" von Wäldern

pilzliebhaber, (vor 6271 Tagen) @ HoBi

Hallo Holger und Sabine,

dies ist ein komplexes Thema und kaum vernünftig mit wenigen Sätzen zu beantworten ohne sich Widersprüche und verbale "Prügel" einzuhandeln.
Ich möchte dennoch den Versuch unternehmen ein paar Aspekte zu nennen.
Selbst erlebe die mit den Kalkungen verbundenen Veränderungen in den Wäldern seit ca. 1992 und u.a. bis 1998 als mykologischer Projektmitarbeiter der Forstlichen Versuchs- und Lehranstalt in Trippstadt/RLP.

Zum einen hängt es von von der Art des verwendeten Kalks ab. Je nach Art und Zusammensetzung wird der enthaltene Kalk schneller oder langsamer "umgesetzt".
Gelöschter Kalk (Brandkalk), der sehr schnell umgesetzt wird heute kaum noch
verwendet. Zumeist werden heute kombinierte Kalk-Mineralien-Düngerpräparate eingesetzt. Zum Beispiel bei einem Hiebreifen Bestand ca. 5- 10 Jahre vor dem geplanten Endeinschlag. Dies bringt nochmal einen ordentlichen Festmeterzuwachs.
Bekannt und einkaluliert sind die deutliche Zunahme an Forstpathogenen Pilzen wie z.B. den Gemeinen Wurzelschwamm. Durch ihn kommt es dann häufig zu den sog. Wasserfüßen bei Fichten. Nur wächst oben mehr nach als der Pilz unten "wegfrisst". Die Monokulturen der Forstwirtschaft stehen heute z.T. in der 3. und 4. Generation und haben die durch natürliche Waldgesellschaften über Jahrtausende entstandenen wertvollen Waldböden ruiniert und machen häufig solche Kalkungs- und Düngemaßmahmen notwendig um das Betriebsziel zu erreichen.

Grundsätzlich bewirkt jede "Kalkung" über kurz oder lang eine Erhöhung des ph-Wertes in den oberen Bodenhorizonten. Nun sind aber die Symbiosepilze mit ihren Wirten auf bestimmte Nährstoff- und Basengehalte des Bodens eingespielt. Wenn sich der ph-Wert im Boden aufgrund einer Kalkung sich in kurzer Zeit deutich erhöht, so gerät dieses Gleichgewicht aus den Fugen. Der Symbiont verliert an Vitalität und kann u.a. seine Schutzfunktion gegenüber bodenpathogenen Bakterien und Pilzen nicht mehr nachkommen.
Die Artenvielfalt der Symbiosepilzarten (soweit vorhanden) nimmt deutlich ab. Allerdings kommt es häufiger noch zu "Massenfruktifikationen" von Symbiosepilzarten bevor sie gänzlich verschwinden.

Durch die infolge der Kalkung erhöhten Basengehalt wird die zwangsläufig daran gekoppelte Nährstoffversorgung deutlich erhöht. Zumeist kommt es in den Folgejahren zu einer Verkrautung der Wälder mit "stickstoffzeigenden" Pflanzen wie z.B. dem Kleinblütigen Springkraut, Brombeere u.a.
Auch dies bleibt vermutlich nicht ohne Einfluß auf die Funga, wurde jedoch soweit ich weiß bislang noch nicht eingehender untersucht.

Alles in allem wirkt sich eine Kalkung meist schädlich auf die Artenvielfalt bei den Pilzen aus. Einzelne Arten werden dann aber extrem häufig. Z.B. nehmen die Fruktifikationen von streubesiedelnten Saprobionten wie. z.B. Arten aus den Gattungen Lepista, Gymnopus u.a. massiv in den ersten Jahren nach der Maßnahme zu.

Die Kalkungen hatten ihren Ursprung in den 1990-ern Jahren um der zunehmenden Versauerung der Waldböden infolge des "sauren Regens" zu entgegnen. Dieses Thema hat sich heute eigentlich weitestgehend erledigt. Den Katalysatoren und Entschwefelungsanlagen sei Dank. Heute ist eigentlich eher die Überdüngung der Wälder/Forsten durch den Stickstoffeintrag über die Luft das Problem.

Die o.a. Erfahrungen beziehen sich auf colline Mittelgebirge in Hessen und Rheinland-Pfalz. Interessant wären natürlich eure Beobachtungen wenn ihr die betroffenen Wälder schon länger kennt.

Viele Grüße
pilzliebhaber

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@ Goldsucher und Pilzliebhaber

HoBi, (vor 6270 Tagen) @ pilzliebhaber

Hallo Ihr Zwei,

herzlichen Dank für Eure ausführlichen und (für uns) lehrreichen Antworten!

Die Frage, die sich uns nun stellt: Die Waldstücke, die bei uns gekalkt werden,
sind keine Monokulturen. Es sind schöne Laub-Mischwälder (ca. 150-200 üNN).
Fichten sind hier bei uns nicht so häufig. In den betroffen Wäldern gibt es
eigentlich nur vereinzelte kleine Anpflanzungen von Fichten.
Wir kennen die Wälder seit ca. 4 Jahren und begehen sie recht häufig.
Sie gehören zu unseren Lieblingswäldern, da sie eine große Pilzvielfalt bieten.
Noch vor einigen Wochen fanden wir dort z. B. B. aereus, B. satanas und
B. appendiculatus.
In den letzten Jahren haben wir noch keine Veränderungen wahrgenommen.
Bombeeren sind dort eher selten, das kleine asiatische Springkraut kommt
auch nur in den wenigen Fichtenstücken vor.
Der gemeine Wurzelschwamm ist uns bislang noch gar nicht begegnet.

Tja, da bleibt uns wohl nur das Prinzip Hoffnung! Wir werden die Wälder
auf jeden Fall beobachten und von evtl. Veränderungen berichten.

Eine Frage zum Schluß: Werden Wälder jährlich gekalkt?

Nochmals vielen Dank für Eure Mühe!

Liebe Grüße von

Sabine & Holger

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Re: @ Goldsucher und Pilzliebhaber

pilzliebhaber, (vor 6269 Tagen) @ HoBi

Hallo Ihr Zwei,
herzlichen Dank für Eure ausführlichen und (für uns) lehrreichen Antworten!
Die Frage, die sich uns nun stellt: Die Waldstücke, die bei uns gekalkt
werden,
sind keine Monokulturen. Es sind schöne Laub-Mischwälder (ca. 150-200 üNN).
Fichten sind hier bei uns nicht so häufig. In den betroffen Wäldern gibt es
eigentlich nur vereinzelte kleine Anpflanzungen von Fichten.
Wir kennen die Wälder seit ca. 4 Jahren und begehen sie recht häufig.
Sie gehören zu unseren Lieblingswäldern, da sie eine große Pilzvielfalt
bieten.
Noch vor einigen Wochen fanden wir dort z. B. B. aereus, B. satanas und
B. appendiculatus.
In den letzten Jahren haben wir noch keine Veränderungen wahrgenommen.
Bombeeren sind dort eher selten, das kleine asiatische Springkraut kommt
auch nur in den wenigen Fichtenstücken vor.
Der gemeine Wurzelschwamm ist uns bislang noch gar nicht begegnet.
Tja, da bleibt uns wohl nur das Prinzip Hoffnung! Wir werden die Wälder
auf jeden Fall beobachten und von evtl. Veränderungen berichten.
Eine Frage zum Schluß: Werden Wälder jährlich gekalkt?
Nochmals vielen Dank für Eure Mühe!
Liebe Grüße von
Sabine & Holger

Hallo Sabine und Holger,

klassische Fichtenmonokulturen wurden im Regelfall in 3-5 jährigen Abständen gekalkt wenn es darum ging der zunehmenden Oberflächenversauerung zu entgegnen.
Die von mir angeführten Aspekte im ersten Thread beziehen sich auf diesen klassischen Fall.
In eurem Fall ist es schwierig aus der Entfernung etwas halbwegs vernünftiges dazu zu sagen. Die von euch angeführten Pilzarten deuten klar auf zumindest neutralen Boden bez. des ph-Wertes hin. Es stellt sich die Frage ob es sich wirklich um eine "Kalkung" handelt. Ich habe schon erlebt dass dieser Begriff gerne für verschiedene Maßnahmen in der Öffentlichkeit verwendet wird.
Es stellt sich eben die Frage was genau da für Präparate ausgebracht werden sollen, was damit bezweckt wird und aufgrund welcher Untersuchungen diese eingesetzt werden sollen. Wenn es in der Region aktive Naturschutzverbände gibt, lohnt es sich vielleicht mal dort nachzufragen ob die Kenntiss davon haben. Man kann natürlich auch beim Forstamt direkt nachfragen. D.h., falls es euch interessiert. Sofern in dem Bereich nicht schon eine Konfliktzone besteht, geben die häufig auch Auskunft.

Viele Grüße
pilzliebhaber

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Werden mal nachfragen...

HoBi, (vor 6269 Tagen) @ pilzliebhaber

Hallo Pilzliebhaber,

klar haben wir ein Interesse an diesen Wäldern :-).
Der Zeitungsartikel war absolut neutral geschrieben - als Antwort auf Anrufe besorgter Bürger, ob der "weisse Nebel" giftig ist.
Von verhärteten Fronten ist uns nichts bekannt. Wir werden einfach mal freundlich bei dem zuständigen Forstamt nachfragen.

Vielen Dank für Deinen Tipp.

Liebe Grüße

Sabine & Holger

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Haben mal nachgefragt...

HoBi, (vor 6262 Tagen) @ HoBi

...hier die Antwort:

Sehr geehrte...

das Forstamt Liebenburg hat in der Revierförsterei Nettetal in den Betreuungsforsten in Sillium, Holle, Hackenstedt und Sottrum auf 370 Hektar ca. 1200 Tonnen kohlensauren Kalk ausgebracht. Wirkstoffe in dem ausgebrachten Kalk sind Calcium und Magnesium.

Die gekalkten Flächen bedurften der Kalkung in unterschiedlichem Maß. Nachdem die gesamte Waldfläche in Niedersachsen in den letzten 15 Jahren mindestens einmal gegen die Versauerung gekalkt wurde, werden jetzt laufend kleinere Flächen in größerem Zeitabstand wiederholt. Bei der Wiederholungskalkung folgen wir seit einigen Jahren einer Prioritätenliste der Nordwestdeutschen Forstlichen Versuchsanstalt in Göttingen.
Es werden nicht nur extrem arme und saure Standorte gekalkt, sondern alle Böden, die dies zur Erhaltung der Bodenfruchtbarkeit, besonders auch im Oberboden brauchen. Glücklicherweise gehören die Standorte in der Rfö. Nettetal nicht zu den extrem schlechten Standorten.

Durch die Kalkung haben wir die Gewissheit, dass der günstige Erhaltungszustand der Böden, sie wiesen in ihrer Mail darauf hin, erhalten bleibt.
Ich kann Ihnen versichern, dass es sich bei der Maßnahme um eine reine Kalkung und nicht etwa um eine 'verdeckte' Düngung gehandelt hat.

Mit freundlichen Grüßen

Was sollen wir nun davon halten?

Fragende Grüße von

Sabine & Holger

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Re: Haben mal nachgefragt...

Goldsucher, (vor 6261 Tagen) @ HoBi

Kalkung ist Düngung! So ein Blödsinn.
Die schreiben doch von der Bodenfruchtbarkeit.

LG

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Re: Haben mal nachgefragt...

pilzliebhaber, (vor 6261 Tagen) @ HoBi

...hier die Antwort: Sehr geehrte...
das Forstamt Liebenburg hat in der Revierförsterei Nettetal in den
Betreuungsforsten in Sillium, Holle, Hackenstedt und Sottrum auf 370
Hektar ca. 1200 Tonnen kohlensauren Kalk ausgebracht. Wirkstoffe in dem
ausgebrachten Kalk sind Calcium und Magnesium.
Die gekalkten Flächen bedurften der Kalkung in unterschiedlichem Maß. Nachdem
die gesamte Waldfläche in Niedersachsen in den letzten 15 Jahren
mindestens einmal gegen die Versauerung gekalkt wurde, werden jetzt
laufend kleinere Flächen in größerem Zeitabstand wiederholt. Bei der
Wiederholungskalkung folgen wir seit einigen Jahren einer Prioritätenliste
der Nordwestdeutschen Forstlichen Versuchsanstalt in Göttingen.
Es werden nicht nur extrem arme und saure Standorte gekalkt, sondern alle
Böden, die dies zur Erhaltung der Bodenfruchtbarkeit, besonders auch im
Oberboden brauchen. Glücklicherweise gehören die Standorte in der Rfö.
Nettetal nicht zu den extrem schlechten Standorten.
Durch die Kalkung haben wir die Gewissheit, dass der günstige
Erhaltungszustand der Böden, sie wiesen in ihrer Mail darauf hin, erhalten
bleibt.
Ich kann Ihnen versichern, dass es sich bei der Maßnahme um eine reine
Kalkung und nicht etwa um eine 'verdeckte' Düngung gehandelt hat.
Mit freundlichen Grüßen
Was sollen wir nun davon halten?
Fragende Grüße von
Sabine & Holger

Hallo Sabine und Holger,

zunächst einmal Vielen Dank für eure Bemühungen hinsichtlich der Nachfrage.
Es ist schon interessant zu Wissen dass es immer noch Gebiete in Deutschland gibt wo per Rundumschlag reine Kalkungsmaßnahmen durchgeführt werden.

Bei der Maßnahme handelt es sich praktisch um eine indirekte Düngung.
In den meisten Böden stimmen die Basenversorgung (=Sättigung des Bodens mit Calzium (Ca), Kalium (K) und Magnesium (Mg)) mit der Nährstoffversorgung (= Versorgung des Bodens mit Stickstoff (S) und Phosphor (P))überein.
D.h. dass nähstoffereiche Böden i.d.R. auch eine gute Basensättigung haben.
Damit die Nährstoffe von den Pflanzen aufgenommen werden können ist eine bestimmte Basensättigung notwendig, da die meisten Nährstoffe im Boden ungebunden und damit für Pflanzen nicht verfügbar sind. Ein wichtiger Faktor der Bodenfruchtbarkeit ist hierbei die sog. Austauschkapazität.
Diese nimmt mit zunehmender Basensättigung zu da der Anteil der für die Nährstoffbindung verantwortlichen Kationen (hier Ca2+ und Mg2+) zunimmt. Die Nährstoffe werden also gebunden und sind für die Pflanzen verfügbar. Soweit nur zum Verständnis warum es sich um eine indirekte Düngung handelt.

Durch das Ausbringen von Basen wird also ein nicht unerheblicher Düngeeffekt erzielt der sicher nicht ohne Auswirkung auf die Funga bleibt. Zum einen sind die Mykorrhizapilze auf bestimmte Nährstoff- und Basengehalte des Bodens "angepaßt" und bei Veränderungen derselben im Boden kommt es über kurz oder lang auch zu Veränderungen der Mykorrhiza-Pilzarten. Die unterschiedlichen Gattungen der Ektomykorrhiza-(engl. ECM) pilzarten reagieren auch unterschiedlich sensibel. Z.B. haben Cortinarius-Arten sehr viele sog. abziehende Hyphen an den ECM und damit eine sehr große Kontaktoberfläche im Bodenraum. Andere ECM-Pilzarten haben geringere Kontaktoberflächen und reagien nicht ganz so sensibel. Die durch Wasser- und Nährstoffmangel motivierte und für die ECM-Bildung mit verantwortliche Ausschüttung von Phytohormonen (Auxinsynthese) wird reduziert. Auch dadurch können sich Veränderungen ergeben.

Eine weitere mögliche Folge ist auch die zunehmende Verkrautung der betreffenden Wälder. Diese ist von verschiedenen Faktoren wie z.B Tiefgründigkeit des Bodens und dem Kronenschluß abhängig. Bei lockeren Kronenschluß kommt mehr Licht und Wärme auf den Boden. Dies führt zu einer beschleunigten Nährstofffreisetzung und hat damit neben dem Effekt der Vekrautung auch Einfluß auf die Funga.

Abschließend möchte ich noch anmerken dass es natürlich schwierig ist aus der Entfernung etwas genaueres zu sagen. Es scheint mir aber ein klassisches Beispiel dafür zu sein, was regelmäßig und weitestgehend unbemerkt in unseren Wäldern vorgeht. Nach den von euch gegebenen Informationen kann ich mir nicht vorstellen, dass eine Kalkung in diesem Wald aus ökologischer Sicht einen Sinn macht.
Die überflüssige Düngung unserer Wälder, egal ob direkt oder indirekt, hat zumeist negativen Einfluß auf die Artenvielfalt der Funga und Flora und damit zwangsweise auch der Fauna.

Viele Grüße
pilzliebhaber

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Es läßt uns noch keine Ruhe :-(

HoBi, (vor 6259 Tagen) @ pilzliebhaber

Hallo Pilzliebhaber,

nochmals vielen herzlichen Dank für Deine ausführliche Antwort und Geduld!!!

Eigentlich trauen wir uns schon gar nicht mehr, Dir noch eine Frage zu stellen.
Aber so richtig in Ruhe läßt uns das Thema noch nicht.

Inzwischen haben wir uns die Homepage (http://www.nw-fva.de/) der Nordwest-
deutschen Forstlichen Versuchsanstalt in Göttingen angesehen, auf die sich
"unsere" Revierförsterei in ihrer Mail bezogen hat.
Die Versuchsanstalt ist für die Wälder in Niedersachsen, Hessen und Sachsen-Anhalt
zuständig.
Wir haben uns den Waldzustandsbericht 2008 für Niedersachsen mal angesehen.
In dem Bericht wird die Kalkung als vielfach belegte wirksame Methode
dargestellt, die Waldböden tiefgründig zu entsauern und den Ernährungs-
zustand (auch) von Buchen zu verbessern.
Die Prioritätenliste, von der in der Mail der Revierförsterei die Rede war,
ist leider nicht online.
Es wird wahrscheinlich nicht viel bringen, aber wir überlegen, auch die Versuchs-
anstalt mit der Bitte um genauere Informationen mal anzuschreiben.

Aus diesem Grund unsere Frage:
Gibt es eine wissenschaftliche Studie, die das Kalken von Wäldern als kritisch
ansieht, auf die wir uns ggf. beziehen können?

Viele Grüße von

Sabine & Holger

Hallo Sabine und Holger,
zunächst einmal Vielen Dank für eure Bemühungen hinsichtlich der Nachfrage.
Es ist schon interessant zu Wissen dass es immer noch Gebiete in Deutschland
gibt wo per Rundumschlag reine Kalkungsmaßnahmen durchgeführt werden.
Bei der Maßnahme handelt es sich praktisch um eine indirekte Düngung.
In den meisten Böden stimmen die Basenversorgung (=Sättigung des Bodens mit
Calzium (Ca), Kalium (K) und Magnesium (Mg)) mit der Nährstoffversorgung
(= Versorgung des Bodens mit Stickstoff (S) und Phosphor (P))überein.
D.h. dass nähstoffereiche Böden i.d.R. auch eine gute Basensättigung haben.
Damit die Nährstoffe von den Pflanzen aufgenommen werden können ist eine
bestimmte Basensättigung notwendig, da die meisten Nährstoffe im Boden
ungebunden und damit für Pflanzen nicht verfügbar sind. Ein wichtiger
Faktor der Bodenfruchtbarkeit ist hierbei die sog. Austauschkapazität.
Diese nimmt mit zunehmender Basensättigung zu da der Anteil der für die
Nährstoffbindung verantwortlichen Kationen (hier Ca2+ und Mg2+) zunimmt.
Die Nährstoffe werden also gebunden und sind für die Pflanzen verfügbar.
Soweit nur zum Verständnis warum es sich um eine indirekte Düngung
handelt.
Durch das Ausbringen von Basen wird also ein nicht unerheblicher Düngeeffekt
erzielt der sicher nicht ohne Auswirkung auf die Funga bleibt. Zum einen
sind die Mykorrhizapilze auf bestimmte Nährstoff- und Basengehalte des
Bodens "angepaßt" und bei Veränderungen derselben im Boden kommt
es über kurz oder lang auch zu Veränderungen der Mykorrhiza-Pilzarten. Die
unterschiedlichen Gattungen der Ektomykorrhiza-(engl. ECM) pilzarten
reagieren auch unterschiedlich sensibel. Z.B. haben Cortinarius-Arten sehr
viele sog. abziehende Hyphen an den ECM und damit eine sehr große
Kontaktoberfläche im Bodenraum. Andere ECM-Pilzarten haben geringere
Kontaktoberflächen und reagien nicht ganz so sensibel. Die durch Wasser-
und Nährstoffmangel motivierte und für die ECM-Bildung mit verantwortliche
Ausschüttung von Phytohormonen (Auxinsynthese) wird reduziert. Auch
dadurch können sich Veränderungen ergeben.
Eine weitere mögliche Folge ist auch die zunehmende Verkrautung der
betreffenden Wälder. Diese ist von verschiedenen Faktoren wie z.B
Tiefgründigkeit des Bodens und dem Kronenschluß abhängig. Bei lockeren
Kronenschluß kommt mehr Licht und Wärme auf den Boden. Dies führt zu einer
beschleunigten Nährstofffreisetzung und hat damit neben dem Effekt der
Vekrautung auch Einfluß auf die Funga.
Abschließend möchte ich noch anmerken dass es natürlich schwierig ist aus der
Entfernung etwas genaueres zu sagen. Es scheint mir aber ein klassisches
Beispiel dafür zu sein, was regelmäßig und weitestgehend unbemerkt in
unseren Wäldern vorgeht. Nach den von euch gegebenen Informationen kann
ich mir nicht vorstellen, dass eine Kalkung in diesem Wald aus
ökologischer Sicht einen Sinn macht.
Die überflüssige Düngung unserer Wälder, egal ob direkt oder indirekt, hat
zumeist negativen Einfluß auf die Artenvielfalt der Funga und Flora und
damit zwangsweise auch der Fauna.
Viele Grüße
pilzliebhaber

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ich schließe mich an

phragmobasidie, (vor 6259 Tagen) @ pilzliebhaber

mich interessiert das auch, ich komme ja aus der selben Ecke wie Sabine und Holger.
Verstehe ich das richtig, wenn Ihr von Düngung redet, dass damit die Steigerung des Festmeter-Ertrags gemeint ist,
wie weiter oben geschrieben?
Oder gehts noch um irgendeine andere Düngung zu einem anderen Zwecke?
Wenn es seriöse Studien gibt, wäre ich auch sehr interessiert.

schöne Grüße
Robin