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Re: Pilze mit Hut

Werner, (vor 6173 Tagen) 1.628 Beiträge @ vezi

Hallo vezi,

Beim Thema Wissenschaft habe ich bisher immer an etwas feststehendes,
entgültiges, nichtinterpretierbares gedacht. Etwas das in Büchern steht.
Gedruckt. Die Wirklichkeit, so wie sie ist.

Ohje. Das war sie nie ... naja, vielleicht künstlich vom Menschen erschaffene Wissenschaften wie die Mathematik - aber bei allem, was mit der Natur etc. zu tun hat (Physik, Chemie oder gar Biologie) war das noch nie so und wird das nie so sein. Siehe z.B. Galileo Galilei und die Zeit davor, Einstein etc. Daß wir heute das absolute Wissen haben, lässt sich daraus mit Sicherheit NICHT ableiten.

Jetzt kommt mir das ein wenig mehr wie ein Baum daher. Der Stamm, und die
Äste stehen schon fest, aber je weiter nach aussen man kommt, je mehr
Verzweigungen es gibt, desto biegsamer und bearbeitbarer wird das alles.
Ich hätte nicht gedacht, daß da Interpretationen und eigene Meinungen, also
auch die Willenskraft von Menschen so eine Rolle spielen kann.
Aber so bleibt's wenigstens spannend.

Das wird auch immer so bleiben. Denn jetzt kommt die DNA-Analyse und auch die "zementiert" nichts - es wird ja immer nur relativ "willkürlich" ein kleiner DNA-Baustein "herausgeschnibbelt" und dann für bedeutend erklärt (ja, es gibt durchaus gute Gründe dafür, aber ob das die einzige Wahrheit ist, darüber wird sicher in vielen Fällen später noch gestritten werden).

Ich sehe es so: zuerst konnte ich - grob gesagt - Röhrlinge und Lamellenpilze unterscheiden. Die einen waren fast alle essbar, die anderen waren pfui-gefährlich. Die (Pilz-)Welt war sehr überschaubar, klar strukturiert aber mit vielen Fragezeichen gespickt.

Dann kam ein "gescheites" Pilzbuch. Ich traute mich, die ersten essbaren Lamellenpilze nach langem Vergleich mit allen Giftpilzen zu sammeln. Eine neue Welt eröffnete sich mit noch mehr Fragezeichen, die sich jetzt trotz des "vervielfachten" Wissens auftaten.

Dann kamen Pilzkurse in Hornberg. Ich konnte jetzt bald makroskopisch die meisten Pilze auf Anhieb in eine Gattung stellen. Der Wissenszuwachs war enorm, leider wuchsen die Fragezeichen und nicht lösbaren Probleme (ganze Gattungen, die ich makroskopisch praktisch kaum bestimmen konnte - Inocybe, Telamonia, Galerina usw.) ebenso exponential.

Dann kam das Mikroskop und seit ich das einigermassen beherrsche ist die (zugängliche) Pilzwelt wieder enorm viel größer geworden. Nur, daß ich jetzt "Probleme" habe, von denen ich früher nicht mal geträumt habe :-) Während der ganzen Zeit mußte natürlich auch die "Bibliothek" angepasst werden - vom ersten Pilzbilderbuch über Gerhardt und Konsorten zu "Pilze der Schweiz" zu dezidierten Monografien und Fachartikeln. Erstaunlicherweise wuchs mit jedem Schritt tiefer in die Mykologie hinein auch die Erkenntnis über den "wachsenden" Umfang dessen, was ich nicht wusste. Denn ursprünglich war ja alles noch einfach.

Wenn man das jetzt nun weiterführt und als Basis den Wissenschaftler nimmt, erkennt man, daß sich zwar die Anzahl der gelösten Probleme stark vermehrt, die Zahl der offenen Fragen aber ebenso.

Das ist zumindest meine Philosophie zum Thema.

Eine eigene Meinung würde mir hier noch nicht stehen, als Anfänger. Ich bin
ja schon froh, daß ich die Trompetenschnitzlinge als solche erkannt habe
oder wenn ich Zystiden von herausgequetschten Tramasträngen unterscheiden
kann;-)

Ach, eine eigene Meinung sollte man sich immer leisten :-) Man sollte sie vielleicht bloß nicht allzu früh veröffentlichen bzw. über andere Meinungen stellen :-)

Gruß,

Werner

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