Re: Form oder Varietät
Hallo,
Eine Varietät ("var.") soll dann ausgewiesen werden, wenn sie 1
genetisch bedingtes Trennmerkmal zur Stammart aufweist. Eine Forma
(abgekürzt "f.", nicht "fo.") dann wenn es sich um
witterungsbedingte Abweichungen handelt, die nicht genetisch fixiert sind.
Die Begriff der Unterart ("ssp." = Subspezies) wird im Prinzip
für eine Varietät mit eigenem Verbreitungsareal verwendet.
Ein Beispiel wäre eine f. alba bei witterungsbedingt ausblassenden
Fruchtkörpern aber eine var. alba bei einem genetisch fixierten Albino.
Tritt das Albino nur in Amerika auf, in Europa aber nur rothütige
Fruchtkörper, so könnte man in zwei Subspezies trennen.
Meiner Meinung nach ist die Ausweisung einer Forma nicht sinnvoll, was will
damit schon zum Ausdruck gebracht werden? Dass es von einem rothütigen
Täubling der in der Sonne steht auch weißhütige Exemplare gibt?
Festlegen tut die zu vergebenden Rangstufe derjenige der die neue
Art/Varietät/Forma beschreibt ("spec./var./f. nov."). Oder
derjenige, der eine bereits beschriebene Art zur Varietät einer anderen
"degradiert" ("comb. et stat. nov.") oder eine
bestehende Varietät zur Art "erhebt", ihr also einen
eigenständigen Status zuerkennt ("stat. nov.").
Für die NEUBESCHREIBUNG einer Varietät oder Forma muss eine lateinische
Diagnose geliefert werden (die meist nur aus der Zeile besteht "A
typo differt ...") und ein Typusexemplar muss hinterlegt und zitiert
werden, vorzugsweise in einem öffentlichen Herbar.
Für die UMKOMBINATION muss nur das Literaturzitat der Erstbeschreibung
zitiert werden (das "Basionym"). Eine lateinische Diagnose und
Typus entfällt, die Art/Varietät/Forma (das "Taxon") existiert
ja bereits.
Alle taxonomischen Änderungen müssen in gedruckten Medien publiziert werden,
die allgemein erreichbar sind. Also nicht im Internet, nicht auf
Schallplatte und auch nicht auf einer Eintrittskarte zur Pilzausstellung.
Ob nachfolgende Mykologen die Statuseinschätzung eines Autors teilen oder
nicht weist dann die Zukunft. Oft haben andere abweichende Auffassungen,
daher auch der häufige Wechsel von Namen.
Ein Beispiel: In der Gattung Amanita kommen Albinoformen recht häufig vor,
die zumeist als var. alba einer entsprechenden Art beschrieben wurden. So
gibt es eine Amanita phalloides var. alba, citrina var. alba, vaginata
var. alba etc. etc.. Wenn jetzt jemand sich eingehender mit dieser Gattung
beschäftigen würde und feststellen würde (rein hypothetisch!!), dass sich
diese var. albas noch in weiteren Merkmalen von ihrer Stammart
unterscheiden, z.B. in der Sporengröße oder irgendsowas, dann hätte er
Grund, sie zur Art zu erheben. Dann würde Amanita phalloides var. alba
zukünftig Amanita alba heißen. Das große Problem bei der Geschichte wäre
aber, dass es bereits eine Amanita alba gibt und somit nicht noch weitere
artverschiedene Pilze ebenfalls Amanita alba heißen können. Ist ja
eigentlich logisch. Sie müssen also einen völlig anderen Namen erhalten,
von mir aus Amanita albophalloides, albocitrina und albovaginata (falls
diese Namen nicht auch schon belegt sind, sonst vielleicht Amanita kurtii,
georg-muelleri, ...).
Manchmal wird gemunkelt, dass sich ein Autor ohne eigentlich triftigen Grund
eine noch nicht besetzte Rangstufe aussucht um eine Umkombination
durchzuführen. Dann steht ja sein Autorenname hinter dem des Erstautors.
Ich persönlich glaube nicht das solche Fälle zahlreich sind, wenn
überhaupt vorkommend. In den allermeisten Fällen begründen die
Umkombinierer ja ihren Schritt. Nur: BEWEISEN kann niemand was, nur
Ansichten ARGUMENTIEREN. Und Ansichten muss man ja nicht teilen ....
Siehst Du jetzt etwas klarer oder hab' ich Dich noch mehr verwirrt?
Gruß,
Andreas
Hallo Andreas,
Vielen Dank für die ausführlichen Erklärungen zu diesem Thema. Bestimmt sehe ich jetzt etwas klarer, wenigstens nach mehrmaligem Durchlesen! Ich sehe, die Sache mit den Rangstufen ist klar geregelt. Muss ja wohl auch!
Habe das Pilzforum seit kurzem entdeckt und finde es sehr interessant, was dazuführt, dass ich in letzter Zeit mehr vor dem Bildschirm sitze, aber auch häufiger im Wald herumstriele.
freundlich grüsst Kurt
).