Pilze Pilze Forum
Erweitert

Pilze im Krimi

Thomas Pruss, (vor 4892 Tagen)

Moin zusammen,
vorgestern abend zufällig in eine Folge "SOKO Wismar" geplatzt. Ich höre nur, dass die Tote Hydrazin im Körper hatte, ihr Magen aber leer war. Nun grübelten das SOKO-Team und die Pathologin, wie der Raketentreibstoff in das Mordopfer kam, weil auch keine Einstichstellen gefunden wurden und weil Hydrazin auch nicht so einfach zu bekommen ist.
Ich sagte gleich zu meiner Frau, dass die Tote offensichtlich Frühjahrslorcheln gegessen haben müsste, was mir eine brutale Attacke mit Sofakissen einbrachte (ich liebe es, bei den "whodoneit"-Krimis den Mörder schneller zu finden als die Protagonisten).
Des Rätsels Lösung: Die Tote, eine sehr dominate Mutter, die mit ihrem mittelalten Sohn, Typ Pantoffelheld (und natürlich blässlicher Finanzbeamter) zusammen lebte,gefiel es nicht, dass ihr Sohn endlich eine Freundin hatte. Also lud sie die Freundin zum gemeinsamen Essen ein und kochte ihr, da die Freundin Vegetarierin war, ein vegetarisches Gulasch. Für sich und ihren Sohn kochte sie normalen Gulasch. In das vegetarische Gulasch mischte sie ordentlich Frühjahrslorcheln und verschied dann beim Kochen an den Dämpfen. Gyromitrin ist ja wasserlöslich und wird im Körper zu Hydrazin umgewandelt. Also kein Mord, sondern eine unbeabsichtigte Selbstvergiftung durch Pilze.
Die Folgen des Frühjahrslorchel-Genusses wurden, dramatisch zugespitzt, aber dennoch medizinisch korrekt dargestellt. Aber wahrscheinlich glaubt das eh kein Otto-Normal-Fernsehzuschauer.
Grüßlis
Thomas

Eintrag gesperrt
15 Aufrufe

Danke *oT*

Toffel, (vor 4891 Tagen) @ Karl-Heinz

- kein Text -

Eintrag gesperrt
20 Aufrufe

Re: Pilze im Krimi

Toffel, (vor 4891 Tagen) @ Thomas Pruss

Hallo Thomas,

Die Folgen des Frühjahrslorchel-Genusses wurden, dramatisch zugespitzt, aber
dennoch medizinisch korrekt dargestellt. Aber wahrscheinlich glaubt das eh
kein Otto-Normal-Fernsehzuschauer.

eine interessante Darstellung, vor allem wenn man bedenkt, dass die Giftwirkung der Frühjahrslorchel früher in der Tat teils durch Vergiftungen bei Raketenarbeitern verstanden wurde. Allerdings genügen die Dämpfe m. W. nicht, um eine Person tödlich zu vergiften.

Interessant auch, dass das gezeigte Info-Blatt eine 1:1-Kopie der oberen Abschnitte des Wikipedia-Artikels von 2010 ist.

Viele Grüße
Steffen

Eintrag gesperrt
18 Aufrufe

Re: Pilze im Krimi

Pilzmann, (vor 4891 Tagen) @ Thomas Pruss

Hallo Thomas,

habe mir den Film mal angesehen und muss sagen, dass er mir künstlerisch sehr gefallen hat. Mittlerweile weiß ich auch wieder, warum ich selten bis gar nicht Krimis gucke: (Pilz-) fachlich finde ich den Streifen eher suspekt.
So stellen sich mir, der ich weder Chemiker noch Toxikologe bin, trotzdem ein paar Fragen:

1. Wenn das hitzelabile Gyromitrin verdampft, ist es dann noch chemisch vollständig bzw. wirkfähig oder zerfällt es schon beim Kochen in den zitierten Raketentreibstoff oder anderes und wird dann komplett harmlos?

2. Gesetzt den Fall, eine der beiden ersten Möglichkeiten trifft zu, kann der eine oder andere Stoff über die Lunge und über das Blut so in die Leber geraten, dass er dann wie behauptet tödlich wirkt?

3. Die Frühjahrs-Gift-Lorchel wird immer noch von etlichen Menschen zubereitet und verzehrt (vor allem wohl in Skandinavien). Warum sterben die immer mal wieder vorkommenden Todesopfer nicht primär an Leberversagen durch Raketentreibstoff, sondern ganz hundsordinär am „handelsüblichen“ Nierenversagen – Haben die in ihrer Küche schlicht das Atmen vergessen oder gibt es vor allem in Schweden ein Gesetz, dass Kochen nur bei geöffnetem Fenstern bzw. Durchzug erlaubt?

Und warum stirbt 4. „Floppy“, der riesenhundige, ausgestopfte Sympathieträger der Sendung, nicht beim Kochen am Einatmen der Dämpfe, sondern ganz gewöhnlich an seiner Fresssucht und trotzdem am selben, gleichen Tag (wie seine Dampf atmende Meuchlerin), obwohl die Vernichtung einer Hundniere durch in den Speisetrakt aufgenommenes Gyromitrin auch mal mindestens 3 Tage und länger dauern dürfte wie bei unsereinem?

Lieber Pilzfreund Thomas, anders als du habe ich hier doch eher das Gefühl, dem Skript-Autor sind bei der Analogie Pilzgift – Hydrazin-Derivat – Raketentreibstoff – Wißmar (im Osten = Vorort von Russland usw.?) ein wenig die Gäule durchgegangen. Vielleicht kommt ja demnächst ein weiterer „Pilzkrimi“ vom Tatort Rostock, in dem man entdeckt, dass die in der Odermündung gefundene tote Russenleiche nicht vom KGB mit Plutonium vergiftet wurde, sondern einfach nur etwas zu reichlich baltische Pfifferlings-Im- und –exporte aus Tschernobil via Polen nach "good old Germany" konsumiert hatte.

Und nix für ungut, mir war halt nach einer kleinen Glosse, Peter!

Eintrag gesperrt
18 Aufrufe

Re: Pilze im Krimi

Toffel, (vor 4890 Tagen) @ Pilzmann

Hallo Peter,

1. Wenn das hitzelabile Gyromitrin verdampft, ist es dann
noch chemisch vollständig bzw. wirkfähig oder zerfällt es schon beim
Kochen in den zitierten Raketentreibstoff oder anderes und wird dann
komplett harmlos?

was da in der Luft ist, ob Gyromitrin oder MMH weiß ich nicht, vielleicht auch eine Mischung aus beidem. Aber im Körper ist ja beides giftig. Fest steht jedenfalls, dass die Dämpfe beim Kochen zu Vergiftungen führen können. Es ist schon vorgekommen, dass der Koch eines Lorchelgerichtes, der selber nichts verzehrt hat, vergiftet wurde, während seine Gäste die Pilze ohne Folgebeschwerden zu sich nehmen konnten.

2. Gesetzt den Fall, eine der beiden ersten Möglichkeiten trifft zu, kann der
eine oder andere Stoff über die Lunge und über das Blut so in die Leber
geraten, dass er dann wie behauptet tödlich wirkt?

Vergiftungen durch Einatmen treten vor allem bei schlechter Belüftung bei der Zubereitung auf. Ich habe bisher nur von eher leichten Vergiftungen gelesen. Tödliche Folgen halte ich daher zumindest für unwahrscheinlich.

3. Die Frühjahrs-Gift-Lorchel wird immer noch von etlichen Menschen
zubereitet und verzehrt (vor allem wohl in Skandinavien). Warum sterben
die immer mal wieder vorkommenden Todesopfer nicht primär an Leberversagen
durch Raketentreibstoff, sondern ganz hundsordinär am „handelsüblichen“
Nierenversagen – Haben die in ihrer Küche schlicht das Atmen vergessen
oder gibt es vor allem in Schweden ein Gesetz, dass Kochen nur bei
geöffnetem Fenstern bzw. Durchzug erlaubt?

Vergiftungen durch Einatmen machen sicher keinen großen Teil aller Vergiftungsfälle durch die Frühjahrslorchel aus. Dennoch ist es aber ein interessanter Effekt. Die Todesopfer dürften hauptsächlich auf roh verzehrte und ungenügend vorbereitete Pilze zurückzuführen sein. Die Wirkungsweise der Giftstoffe der Frühjahrslorchel ist bis heute nicht vollständig verstanden. Vermutungen reichen von variierenden Giftmengen in verschiedenen Fruchtkörpern über eine unterschiedliche Hitzeeinwirkung bei der Zubereitung bis hin zu allergischen Reaktionen. Es scheint auch so, dass die letale Dosis und die Menge, die keine Beschwerden hervorruft, nah beieinander liegen, was den Verzehr - auch entsprechend behandelter Fruchtkörper - zum oft assoziirten "Russisch Roulette" macht.

Und warum stirbt 4. „Floppy“, der riesenhundige, ausgestopfte Sympathieträger
der Sendung, nicht beim Kochen am Einatmen der Dämpfe, sondern ganz
gewöhnlich an seiner Fresssucht und trotzdem am selben, gleichen Tag (wie
seine Dampf atmende Meuchlerin), obwohl die Vernichtung einer Hundniere
durch in den Speisetrakt aufgenommenes Gyromitrin auch mal mindestens 3
Tage und länger dauern dürfte wie bei unsereinem?

Dass der Hund angelockt und ihm die Pilze verfüttert wurden, war nötig, um die Schuld der Mutter nachzuweisen. Andernfalls hätte sie ja möglicherweise ohne derart böse Hintergedanken Speisemorcheln sammeln wollen, die sie statt Fleisch ihrer Schwiegertochter in spe dem Essen beigemengt hat. Folglich hätte sie die Pilze nur verwechselt. Es wird, soweit ich das mitbekommen habe, nicht erwähnt, dass beide dem Gift am gleichen Tag ausgesetzt wurden. Sie könnte den Hund also schon einige Tage zuvor vergiftet haben. Dann wäre der Junge aber schon früher zum Tierarzt gegangen. Besser wäre es gewesen, wenn beide erst einige Tage nach Aufnahme des Gifts gestorben wären. Man hat wohl die Wirkdauer bei beiden verkürzt, um die Dramatik zu steigern und weil es dann womöglich erst recht keiner geglaubt hätte.

Viele Grüße
Steffen

Eintrag gesperrt
19 Aufrufe

Re: Pilze im Krimi

Thomas Pruss, (vor 4890 Tagen) @ Pilzmann

Moin Peter,
Toffel hat es sehr gut dargestellt. Gyromitrin ist wasserlöslich und flüchtig. Daher kann es schon durch bloßes Einatmen der Kochwasserdämpfe zu Vergiftungserscheinungen kommen. Die letale Dosis des Gyromitrins liegt beim Menschen so um die 50 mg/kg Körpergewicht.
Der große Rest ist der Dramatik des Films geschuldet.
Es ging ja in dem Film auch um die Frage, wie das Hydrazin in den Körper der Frau gekommen ist, obwohl sie nichts gegessen hatte und auch keine Injektionsstellen festgestellt wurden. Insofern macht natürlich die Frühjahrslorchel aufgrund der Möglichkeiten, sich mit ihr zu vergiften, den Plot ganz besonders interessant. Mit 'nem Knolli jemanden über den Jordan zu schicken, ist ja ein alter Hut und soooo langweilig. ;-)
Dass es dabei zu Ungenauigkeiten komnmt, darf man wohl hinnehmen. Die Botschaft, die rüberkomemn sollte, stimmt gleichwohl: Finger weg von den Frühjahrslorcheln! Es sei denn, man will jemanden ins Jenseits befördern … ;-)
Grüßlis
Thomas

Eintrag gesperrt
15 Aufrufe

Re: Pilze im Krimi

Pilzmann, (vor 4890 Tagen) @ Pilzmann

Hallo Steffen und Thomas,

das Schöne am Forum ist, dass man soviel lernen kann. Um die Giftwirkung beim Einatmen der Kochdünste der Gyromitra wusste ich noch nicht. Habe also mal wieder was gelernt und hoffentlich einige andere Forumsbesucher auch.

Dass einige Ungenauigkeiten der filmischen Dramatik geschuldet waren, weiß ich natürlich auch. Deshalb hatte ich meinen Beitrag ja auch als "Glosse" gekennzeichnet.

Vielen Dank jedenfalls euch beiden für die Aufklärung und den Verweis auf die Wikipedia.

Schönes Wochenende, Peter!