Re: Pilzjahr Schweiz 2013
Hallo Nicola,
vielen Dank für diesen interessanten Beitrag.
Im April habe ich übrigens auch eine Stelle mit rund 20 Exemplaren vom Leuchtenden Prachtbecherling gefunden. Ich weiß aber nicht, ob er in den Jahren davor auch dort stand oder nicht - werde es im Auge behalten.
Weiß man denn, warum der immer nur so unregelmäßig auftritt?
Hat jemand sein Auftreten mal mit Wetterdaten korreliert?
Viele Grüße,
Michael
Liebe Forumsteilnehmer
Meine Name ist Nicola, Jg 78, dies ist mein erster Forumsbeitrag. Damit ihr
wisst, mit wem ihr es zu tun habt: als Mitinhaberin der Pilzschule „die
Pilzspürnasen“ (Solothurn, Schweiz) registrieren wir jeden Pilzfund von
uns selber wie auch von unserem mittlerweile zahlreiche Fundmelder
zählendem Pilz-Netzwerk in der ganzen Schweiz. Wöchentlich publizieren wir
diese Funde in unserer Publikation „Pilz-Radar“. Wir betreiben die Schule
im Nebenamt.
Die konsequente Erfassung aller Funde sowie aller Beobachtungen in Bezug auf
die Pilzwelt und der rege Austausch mit Mykologen aus der ganzen Schweiz
ermöglicht uns, stets ein recht genaues Abbild der aktuellen Pilzsituation
vieler Regionen der Schweiz zu haben.
Anders als z.B. in Deutschland, passiert in der Schweiz ziemlich alles
ziemlich gleichzeitig. In Deutschland werden ja oftmals in bestimmen
Regionen bereits zahlreiche Arten verzeichnet, während andere Regionen
noch gar keine Pilze hervorbringen. Hier gibt’s diesen grossen Unterschied
nicht so ausgeprägt. Meist findet der Zürcher zeitgleich mit dem Berner
und Luzerner den ersten Steinpilz, die ersten Morcheln.
Nachdem auch wir diesen extremen Winter 12/13 hatten – sehr lange sehr kalt –
und die Natur bei uns zeitweise ca. 4-6 Wochen Rückstand zu normalen
Jahren hatte (aktuell immer noch einige Wochen), haben wir im 2013 einige
Beobachtungen gemacht, die wir auch auf diesen ausserordentlich strengen
Winter zurückführen. So sind einige Pilzarten markant öfter aufgetreten,
während andere bis anhin einfach weggeblieben sind.
Aufgefallen ist uns das plötzlich zahlreiche Auftreten von z.B. folgenden
Arten: - Leuchtende Prachtbecher - caloscypha fulgens, normal nur alle
paar Jahre aufzufinden und wenn, dann meist in Einzelstücken. Dieses Jahr
hatten wir selber 3 Fundstellen, eine davon mit 50-80 Fruchtkörpern. Im
Verbreitungsatlas der Pilze Schweiz wird ersichtlich, dass im 2013
zahlreiche Funde gemeldet worden sind. Letztes Fundjahr mit mehrfachen
Meldungen: 2006.
- Rauhstiel-Weichritterling - Melanoleuca verrucipes. Generell sehr wenige
registrierte Funde in der Schweiz. Dieses Jahr ist er, nachdem wir ihn
hier im Solothurner Mittelland seit einigen Jahren nicht gesehen haben, an
3 Orten aufgetaucht, immer mit zahlreichen Fruchtkörpern. Zudem zeitgleich
im Berner Oberland, 100 Km weit weg, in einer Region, wo noch gar keine
Funde registriert sind.
- Grosser Scheidling Volvariella gloiocephala. Wie M. verrucipes – generell
wenige Fundmeldungen. Aktuell bereits mehrere Fundorte, davon zwei Mal
fast direkt neben M. verrucipes. Im Solothurner Mittelland zuvor ebenfalls
seit einigen Jahren gar keine Fundmeldungen.
- Ganz aktuell der Zigelrote Risspilz – Inocybe erubescens. Zwar ist dieser
Pilz hier nicht selten. Aktuell tritt er aber seit 2 Wochen in Massen zu
Dutzenden von Fruchtkörpern auf (an Strassenbördern und entlang von
Waldwegen), was man normalerweise nicht beobachten kann.
Verspätet aufgetreten ist dieses Jahr der Märzellerling, Hygrophorus
marzuolus. Die letzte Fundmeldung datiert vom 13. Juni. Ebenfalls mit viel
Verspätung eingetroffen sind die Sommersteinpilze. Erster Fund in 2012:
25. Mai. Erster Fund in 2013: 23. Juni (bei Vollmond).
Bisher noch völlig weggeblieben sind diverse Arten, welche wir in dieser
Kalenderwoche normal bereits in grosser Anzahl beobachten dürfen. So z.B.
Rotfussröhrlinge, Maronenröhrlinge, diverse Amanita-Arten, z.b. auch
Scheidenstreiflinge, welche wir normal auch immer ab Ende Mai vorfinden.
Das Pilzjahr 2013 bleibt spannend. Es hat uns gelehrt, dass wir in der
Schweiz dieses Jahr nicht auf die üblichen Prognosen und Erfahrungswerte
zurückgreifen können.
Viele Grüsse, Nicola