Und jetzt noch: Faserhaftes *PIC*

Hans-Jürgen, (vor 7313 Tagen)

Wusstet Ihr schon, dass eine Pilzwebsite in den USA (wohl mit einem Augenzwinkern) empfiehlt, die nächste Tochter Psathyrella candolleana zu nennen? Grund: "There's a nice ring to it!" ... Glaubt Ihr nicht? Dann schaut doch selber nach

http://www.mushroomexpert.com/psathyrella_candolleana.html

A propos. Der Behangene Faserling ist ja nicht gerade rar, aber ausgesprochen variabel. Am Blutsee sah er dieser Tage unter anderem so aus:

[image]

Eine Stunde habe ich den großen Herrn auf dem Foto auf moosigem Bett durch den Wald getragen (wieder kein brauchbares Behältnis dabei...), bis er mir dann beim Einladen ins Auto doch noch herunterfiel und sein wunderschönes, rundum laufendes Gehänge verlor. Aber man sieht's ja noch in Andeutungen.

Die Sporen passen noch ganz gut: (3,9-) 4,4 (-4,8) x (7,2-) 7,9 (-8,7).

[image]

Aber was sind denn das für kegelige Fördertürme da auf den Lamellen:

[image]

Nach Breitenbach/Kränzlin müssten da richtig schöne wurstförmige Zystiden anzutreffen sein. Aber nix da: Fest verwurzelt in der Lamellentrama ragen dicke Kegel in die Luft:

[image]

[image]

Irgendwie passt das nicht zusammen. Wer kann mir helfen?

Danke und Gruß
Hans-Jürgen

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Re: Und jetzt noch: Faserhaftes

Rudi, (vor 7313 Tagen) @ Hans-Jürgen

Vielleicht hab ich dich wieder mal auf die falsche Fährte gelockt.
Aber vielleicht hat ja die Göttin des Waldes und der (Pilz)Jagd dir ihren seidenstieligen Mürbling geschenkt?

Grüße aus der Nähe
Rudi

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Möcht schon sein ...

Hans-Jürgen, (vor 7313 Tagen) @ Rudi

... nur gut, dass ich immer fleißig meine Hausaufgaben mache ;-)

Gruß
HJ

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Re: Und jetzt noch: Faserhaftes

pilzmel ⌂, (vor 7312 Tagen) @ Hans-Jürgen

Hallo Hans-Jürgen,
täuscht das oder haben die Zystiden tatsächlich leicht verdickte Wände?
Beste Grüße! Pilzmel

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Re: Und jetzt noch: Faserhaftes *PIC*

Hans-Jürgen, (vor 7312 Tagen) @ pilzmel

Hallo Andreas,

es gibt ja optische "Pseudoverdickungen", die das Bild verfälschen. Mein Mikroskop gehört jetzt nicht in die absolute Oberliga, also kann ich solche Effekte zumindest nicht ganz ausschließen. Die Zystiden des hier untersuchten Pilzes scheinen aber tatsächlich vor allem nach oben zu geringfügig verdickte Wände (deutlich < 1 µm) zu haben. Noch'n Bild dazu

[image]

Habe gerade im Büro keine Literatur zum Nachprüfen, bin aber aus einem ganz anderen Grund durchaus willig, Rudis Vorschlag zu folgen: P. artemisiae gehört, wenn ich recht sehe, in eine Gruppe von Psathyrellen, die nicht nur an Schneide und Spitze, sondern auf der ganzen Lamellenfläche Zystiden haben. Was meinst Du?

Liebe Grüße
Hans-Jürgen

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Re: Und jetzt noch: Faserhaftes

pilzmel ⌂, (vor 7312 Tagen) @ Hans-Jürgen

Hallo Hans-Jürgen,
immer wenn man denkt, es geht nicht vertrackter, setzt die Gattung noch einen drauf...
Eigentlich ist es m. M. nach in diesem Fall gar nicht so wichtig, ob die Zystidenwände verdickt sind. Mit so spitzen Zystiden gibt es bloß eine Handvoll Arten.
Für P. artemisiae erscheinen mir die Sporen zu klein und vor allem zu schlank.
Aus ein paar Beschreibungen:
ENDERLE: 8-9,5 x 4,7-5,2 µm
K.v.WAV.: (7)8-10 x 4,5-5,5 µm
SMITH (als P. squamosa): 7,5-10 x 4,5-5 µm
GRÖGER (als P. squamosa): (7,8)8,5-9,8(10,8) x 4,2-5,2 µm
Ganz gut passen würden die Sporen von P. spintrigeroides: 7-8(9) x 4-4,5 µm. Die kommen auch von der Form besser hin.
Beste Grüße! Andreas

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Faserlingsverwirrung

Hans-Jürgen, (vor 7312 Tagen) @ pilzmel

Danke für die Mühe, Andreas. Ich habe in einer sehr kurzen (Nach)Mittagspause nur mal ganz oberflächlich angefangen, den Fund noch einmal gründlich und genau nach dem Schlüssel der Nordic Macromycetes auszuschlüsseln, bin aber rasch steckengeblieben (in der Sektion Psathyra). Werde heute abend noch mal gründlicher nachforschen (hätte ich, wenn ich geduldiger wäre, ja auch vorher machen können ...) und mich dann noch mal dazu melden.

Bis dahin Dank und Gruß
Hans-Jürgen

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Ausgeschlüsselt

Hans-Jürgen, (vor 7312 Tagen) @ Hans-Jürgen

Vorsicht. Langer Text

Hier nun also das angekündigte Schlüsseler-g/l-ebnis.

Da ich Kits van Waveren (1985) nicht besitze, muss ich mir mit den Nordic Macromycetes (dort Bd. 2 S. 236 ff.) behelfen. Ich übersetze im Folgenden in flagranti.

Zur Erinnerung: Die Sporen meiner Kollektion hatten die Maße (7,2-) 7,9 (-8,7) X (3,9-) 4,4 (-4,8)

1. Hut mit angewachsenen Fasern (fibrils), Schuppen (scales) oder Schüppchen (squamules)

2. Sporen glatt; Pleurocystiden verstreut. Lamellen scheiden bei einigen Arten kleine Tropfen aus
-> Subgenus Psathyra Sektion Pseudostropharia

6. Sporen > 6 µm lang

7. Sporen kürzer oder breiter (als bei P. caput-medusae mit 9 – 11,5 x 4,5 – 5,5 µm)

8. Nun stehen noch zur Wahl: P. populina (oder P. sylvestris), die ich bei Breitenbach/Kränzlin nicht verifizieren kann, und P. cotonea, die schon wegen der polymorphen Sporen und, denke ich, auch aus makroskopischen Gründen eher ausscheidet.
Dieser Weg führt also ziemlich sicher in die Irre. Ob die deutlich sichtbaren Fasern auf den Pilzen meiner Aufsammlung Hüllreste oder Huthautbestandteile sind, kann ich nicht mehr zweifelsfrei klären. Sie schienen mir angewachsen, aber mit populina und cotonea werde ich nicht glücklich. Also deklarieren wir sie mal zu Hüllresten.

Verzweigt man schon bei 1. anders, sieht das Ergebnis so aus:

1. Hut glatt, aber oft mit lose angedrückten Schuppen vom Velum

9. Sporen Subgenus Psathyra

29. Cystiden nicht muricate (also an der Spitze nicht mit Kristallen inkrustiert), aber bei manchen Arten mit schleimigen (mucoid) Ablagerungen, dünnwandig

33. Sporen > 6,5 µm lang

36. Pleurocystiden vorhanden

40. Stiel ohne Ring und nicht in feuchtem Sphagnum (Ich habe die Kollektion von einem moos-überwucherten, liegenden Buchenstamm abgeschnitten)

41. Wächst nicht auf Stengeln (Kratzdistel, Schilf, Weidenröschen)

42. Nun wird es ein wenig kompliziert. Sind die Sporen geringfügig rauh? Ich glaube eher nicht. [Dann jedenfalls hätten wir P. stigmatospora Clemenc.]

Bei glatten Sporen geht es hier weiter:
43. Pleurocystiden leicht dickwandig, bräunlich und lichtbrechend oder mit öligen Einschlüssen, Spitze scharf/spitz (zulaufend).

[also eher nicht: Pleurocystiden dünnwandig, hyalin und ohne ölige Einschlüsse, Spitze scharf oder stumpf]

44. (Da die Pleurocystiden sicherlich nicht dickwandig sind:)

Pleurocystiden dünnwandig mit öligen Einschlüssen. Hut 1 – 3 cm, kegelig, später konvex oder plan, oft mit stumpfem Buckel, dunkelbraun, bei Trockenheit bald ockerbräunlich in der Mitte und heller zum Rand hin; Hüllschleier vorhanden, manchmal als Anhängsel. Stiel 2,5 – 4,5 x 0,2 – 0,4 cm. Sporen 7 – 9 x 4,5 – 5,5 µm. Pleurozystiden bauchig linsenförmig mit ziemlich langem, dünnem Hals. Cheilozystiden ähnlich, zahlreich, untermischt mit kugeligen Elementen. Einzeln oder fast büschelig, auf Erde oder Holz von Laubbäumen: P. gossypina (Bull.: Fr.) Pears. & Dennis.

Und damit sind wir dann doch fast (aber nur fast) wieder bei Rudis Vorschlag. Denn zumindest P. gossypina (Bull.: Fr.) ist Synonym zu Psathyrella artemisiae (Pass.) Konr. & Maubl. Diese gossypina ist allerdings mit der unsrigen, der “echten” gossypina, wie Heinz Ebert das einmal genannt hat (http://www.dgfm-ev.de/forum/thread.php?goto=nextnewest&threadid=31&sid=e5f480c336c562de83633bf05aa695f0), nicht zu verwechseln. Breitenbach/Kränzlin erwähnen P. gossypina (Bull.: Fr.) Pears. & Dennis in den Bemerkungen zu Ps. artemisiae folgendermaßen:
„Ähnliche FK [wie P. artemisiae] bilden auch Psathyrella gossypina (Bull.: Fr.) Pears. & Dennis mit ähnli-chen Mikromerkmalen, jedoch mit Zystiden mit ölartigen Einschlüssen [...]“

Wohlan denn. Solange Heinz Ebert oder ein anderer Faserlings-Spezialist nicht widerspricht, wollen wir uns damit zufriedengeben.

Gruß
Hans-Jürgen

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Weiterverwirrt

pilzmel ⌂, (vor 7311 Tagen) @ Hans-Jürgen

Hallo Hans-Jürgen,
vielen Dank für deinen "langen Text"!
Auf die Gefahr hin, als neurotischer Langweiler zu gelten, muß ich trotzdem noch mal nachhakeln.
Das Schlüsselpaar 1 ist ganz genau eines von denen, die ich besonders liebe! An einem windzerzausten, regengewaschenem etc. Velum herumzulaborieren, ist immer eine tolle Sache. Dies mal am Rande.
Nun geht es ja glatt durch bis 43: Pl. leicht dickwandig.
Und weiter bei 44: P. dünnwandig. Warum?
Das Ergebnis haut nicht recht hin. P. gossypina (BULL.:FR.)PEARS. & DENN. ist doch die echte, oder? Die Kurzdiagnose ist eine perfekte, komprimierte Beschreibung nach K. v. WAV.!
So gut stimmt die aber mit deinem Fund nicht überein, z.B. Zystidenform, fehlender (großer) Öltropfen, Sporen(-breite).
Autsch, ist das verwirrend.
Beste Grüße! Andreas

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Re: Weiterverwirrt

Andreas ⌂, (vor 7311 Tagen) @ pilzmel

Hallo Hans-Jürgen und Andreas,

Zitat Hans-Jürgen:
1. Hut mit angewachsenen Fasern (fibrils), Schuppen (scales) oder Schüppchen (squamules)
1* Hut glatt, aber oft mit lose angedrückten Schuppen vom Velum

Zitat Pilzmel:

Das Schlüsselpaar 1 ist ganz genau eines von denen, die ich besonders liebe!

Dieses Schlüsselpaar ist eigentlich kein Problem. Es geht darm, ob das Velum fest am Hut angewachsen ist (Alternative 1.) oder ob das Velum nur auf dem Hut aufliegt und der Hut folglich unter dem Velum glatt ist (Alternative 1*). Das ist eigentlich immer problemlos zu entscheiden, meist hat man ja letzteres.

Im übrigen halte ich Euren Pilz für Psathyrella artemisiae.

beste Grüße,
Andreas

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Weiterenthaart

pilzmel ⌂, (vor 7311 Tagen) @ Andreas

Hallo Andreas,
vielen Dank für deine Meinung zur Sache.
Das hier:
"1. Hut mit angewachsenen Fasern (fibrils), Schuppen (scales) oder Schüppchen (squamules)
1* Hut glatt, aber oft mit lose angedrückten Schuppen vom Velum"
ist mir theoretisch schon klar, aber praktisch hat das schon zum Schwinden meines persönlichen Velums beigetragen.
Und, naja...
"Im übrigen halte ich Euren Pilz für Psathyrella artemisiae."
...ich stelle mich manchmal halt sehr bockbeinig an! Oder doof. Letzteres meint zumindest meine werte Familie, wenn ich die Mikrowelle bedienen soll.
Beste Grüße! Andreas

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Re: Weiterenthaart

Andreas ⌂, (vor 7311 Tagen) @ pilzmel

Hallo,

Das hier: "1. Hut mit angewachsenen Fasern (fibrils), Schuppen (scales)
oder Schüppchen (squamules)
1* Hut glatt, aber oft mit lose angedrückten Schuppen vom Velum"
ist mir theoretisch schon klar, aber praktisch hat das schon zum Schwinden
meines persönlichen Velums beigetragen.

echt? Aber es sind doch nur ganz wenige Arten mit angewachsenem Velum, eben die Gruppe um cotonea und so. Die sind doch alle klar definiert. Was macht Dir denn da Probleme? Oder sehe ich das zu einfach, kann natürlich auch sein.

Und, naja...
"Im übrigen halte ich Euren Pilz für Psathyrella artemisiae."
...ich stelle mich manchmal halt sehr bockbeinig an! Oder doof. Letzteres
meint zumindest meine werte Familie, wenn ich die Mikrowelle bedienen
soll.

Ach, Du bestimmst Psathyrellen mit der Mikrowelle?!? *ggg*
Hinterfragen ist immer gut. Und mit Psathyrellen kennst Du Dich vermutlich besser aus als ich, so dass ich da sicherlich oberflächlicher bin als Du.
Aber ich hab' ihn ja nicht bestimmt, ich halte ihn ja nur für was ;-)

beste Grüße,
Andreas

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Ausgewirrt

Hans-Jürgen, (vor 7311 Tagen) @ Andreas

Danke, Andreas, ich nehme Dein Ergebnis als amtliches Endergebnis. Ich liege damit beim NMM-Schlüsseln auch bis zum allerletzten Schritt auf der richtigen Spur - hätte mich lediglich in Stufe 44. für die dickwandigen Pleuros ohne ölige Einschlüsse entscheiden müssen. Muss halt noch vieles lernen (Warte sehnsüchtig auf Dein Veranstaltungsprogramm für 2007!)

Was Schlüsselpaar 1 angeht: Hätte man am frischen Pilz sicherlich gut unterscheiden können. Da habe ich aber noch nicht drauf geachtet. Die offenkundig sichtbaren Fasern sehen mir heute noch nicht wirklich "lose angedrückt" aus.

Gruß nach Jena
Hans-Jürgen

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Re: Ausgewirrt

Andreas ⌂, (vor 7311 Tagen) @ Hans-Jürgen

Hallo,

Danke für die Blumen, aber vom "amtlichen Endergebnis" möchte ich da nicht gleich reden. Zumal Pilzmel ja Zweifel anmeldet.

Was Schlüsselpaar 1 angeht: Hätte man am frischen Pilz sicherlich gut
unterscheiden können. Da habe ich aber noch nicht drauf geachtet. Die
offenkundig sichtbaren Fasern sehen mir heute noch nicht wirklich
"lose angedrückt" aus.

Ja, mag vom Bild her nicht gerade "lose angedrückt" aussehen. Wenn man ein Komma dazwischen setzt wird der Sinn vielleicht deutlicher: "Velum lose, angedrückt". In der Praxis gut an Frischmaterial zu testen, in dem man mit einer Pinzette eine Velumfaser abzieht und schaut, ob man sie einfach so abheben kann ("lose", oder ob man Huthaut dabei losreißt ("angewachsen"). Am Exsikkat schwerer nachvollziehbar, am Foto bisweilen nur zu erraten.
Aber Du hast ja selbst auch die Erfahrung gemacht, dass in Dienem Fall der andere Weg schnell ins Leere geführt hatte.

beste Grüße und in Vorfreude auf ein treffen vielleicht nächstes Jahr,
Andreas