Rote Liste Arten in Kiefernwäldern *PIC*

Ingo, (vor 7312 Tagen)

Hallo Pilzkenner und Wissensdurstige!

Mein heutiger Beitrag wird wohl ein wenig vom altbekannten Schema abweichen. Montagskino
mit Hintergrund sozusagen.
Erster Aufhänger ist mein Beitrag vom vergangenen Donnerstag. Da hatte ich versucht,
mich mit ein paar Ritterlingen anzulegen und scheinbar auch gewonnen -und mich doch verzettelt!

Einige von Euch haben den Beitrag möglicherweise gelesen, vielleicht auch nur der interessanten
Nebenhandlung wegen. Für die Leser, die nicht im Bilde sind, hier nochmal der Link zum Beitrag:

Beitrag 108684

Es ging um die Bestimmung einer Kollektion zweier wunderschön anzuschauender Kiefern-
symbionten, mit der ich so meine Mühe hatte. Ich hatte zwei ausgewachsene Exemplare erwischt,
so dass ich anhand der erkennbaren Merkmale und der mir zur Verfügung stehenden Literatur schließlich
bei Riesenritterling (Tricholoma colossus) landete. Irreführend war vor allem die Tatsache, dass
da kein Ringrest erkennbar war, und das Fleisch deutlich rötete.

Wie aber in jeden vernünftigen Bestimmungsbuch nachzulesen ist, sollten für Bestimmungen
möglichst Fruchtkörper verschiedener Altersstadien verfügbar sein.
Bei meiner Nachlese am vergangenen Wochenende hatte ich nun das Glück, mehrere Pilze
in allen Altersstadien vor Ort anzutreffen. Insgesamt waren es etwa 20 Stück.

Nachfolgend möchte ich Euch ein paar Bilder davon hintereinanderweg zeigen:

[image];[image]
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[image]

Ich hoffe, die Bildgröße ist ausreichend genug, um die wesentlichen Merkmale zu erkennen. Deutliche
orangerote bis kupferrote Farbtöne sowie Ringreste und teils hohle Stiele sind nun zu sehen.

Der Geruch war deutlich nach Mehl, mit einer Komponente, die an Nussöl erinnerte.
Die Hüte waren nicht schleimig, sondern fühlten sich hart-faserig an. Der Geschmack war roh
probiert mild. Es gab allerdings einen undefinierbaren, aber nicht unangenehmen Nachgeschmack.
Nach dem Abkochen probiert, war ein deutlich bitterer Nachgeschmack erkennbar.
Hinweis zur Sache: Dieser Geschmackstest diente nur zur Ergänzung. Gegessen wurden die
Pilze nicht.

Angesichts dieser Ergebnisse blieb mir nur die Erkenntnis, dass es sich bei der aufgesammelten
Art tatsächlich um den seltenen Halsbandritterling (Tricholoma focale) handeln musste.
Versucht man das allerdings mit der aktuellen Literatur festzumachen, kommt man schon etwas
ins Schleudern.

In der Schweiz scheint die Art überhaupt nicht vorzukommen. Im Band 3 Pilze der Schweiz
Gibt es da nur Querverweise, aber keine Beschreibung.
Im Bon ist neben T. focale noch T. robustum aufgeführt. T. focale soll demnach in Deutschland
verschollen sein! In den Großpilzen BW Band 3 allerdings kann man nachlesen, dass beide Arten
nicht getrennt werden dürfen, und dass immerhin 4 Funde vom Halsbandritterling in dem Bundesland
verzeichnet wurden. Vollkommen treffend erscheint mir das Porträt in R.M. Dähnckes 1200 Pilzen.
Die dort auf Seite 226 abgebildete Kollektion entspricht nahezu den von mir aufgefundenen Fruchtkörpern.
Auch die Beschreibung kommt fast genau hin.
Ich bin mir eigentlich sicher, dass die Bestimmung nun korrekt ist. Nicht umsonst hatte ich bei
Riesenritterling in der vergangenen Woche ein ungutes Gefühl. Jetzt sollte alles stimmen.

An dieser Stelle ein paar Anmerkungen zum Biotop. Es handelt sich um ein von Waldwegen
eingegrenztes Waldstück in einem reinen Kiefernwaldgebiet mit Birken als Randbewuchs
Die Abmessungen betragen ca. 80 x 300m. Und diese Ritterlinge sind da nicht die einzigen Raritäten.

Bereits bei meinem Rätsel in der Vorwoche habe ich Bilder von den dort zahlreich vorkommenden
Becherförmigen Korkstacheling (Phellodon tomentosus) gezeigt.

Bei Interesse hier nochmal der Link zum Anschauen:

Beitrag 108622

Am vergangenen Wochenende hatte sich nun auch ein weiterer Vertreter aus der Stachelpilzfraktion
hervorgewagt; ein ehemaliger Massenpilz, der mittlerweile auch mehre Rote Listen bevölkert:

[image]

Ein riesiges Exemplar vom Habichtspilz (Sarcodon imbricatus), und hier sein Enkel:

[image]

Schön zu erkennen auch beim großen Habicht im Hintergrund der bei uns übliche Kiefernstangenwald.

In diesem beschaulichen Waldstück konnte ich in den vergangenen Jahren auch immer wieder
diesen berühmten Ritterlingsvertreter ausfindig machen:

[image]
[image]

Für die Grünlinge (Tricholoma equestre) scheint es in diesem Jahr aber noch zu mild zu sein.
In einem anderen Areal sah es da schon etwas besser aus. Sie werden aber im betreffenden
Waldstück bestimmt noch erscheinen. Vielleicht auch erst im November.

Das sollte es für heute erst mal gewesen sein mit den bunten Bildern.
Fallen jetzt irgendwem Gemeinsamkeiten bei den gezeigten Arten auf?

Halsbandritterling, Grünling, Korkstacheling und Habichtspilz!!!
Hat schon mal jemand hier alle vier Arten gefunden? In letzter Zeit? In einem so kleinen Waldareal?
Wenn dem so ist, kann man die Roten Listen getrost vergessen. Allerdings glaube ich nicht daran.
Zumindest der Halsbandritterling sollte mittlerweile eine ziemliche Rarität sein. Die Korkstachelinge?
Nun gut – die kann man schon mal übersehen. Und Grünlinge gibt es in Brandenburg angeblich massenhaft!

Das stimmt so aber leider nicht. Das vorgestellte Areal ist das einzige mir bekannte, wo ich immer
eine gewisse Anzahl von Grünlingen feststellen konnte. Ansonsten kommen sie eher vereinzelt vor.
Die Korkstachelinge und die Habichtspilze gibt es nur in diesem Waldstück. Und Halsbandritterlinge
habe ich in diesem Jahr dort zum ersten mal gesehen.

Und nun gibt es da noch ein winziges Problem.
Vergangene Woche sind im Wald die Bulldozer eingerückt und machen sich, keine 300m von dem
Areal entfernt, über die Kiefern her. Das Waldstück, in welchem ich noch Anfang September Steinpilz
und Muschelkrempling angetroffen habe, ist nicht mehr. Die Fotos in meinen Beiträgen aus dieser Zeit
sind nunmehr wohl eher Geschichtsdokumente aus guten Zeiten.

Dem besonderen Areal sollte allerdings in diesem Jahr keine Gefahr mehr drohen. Dort sind keine Bäume
markiert. Aber für die kommenden Jahre sehe ich da schwarz.
Meine Frage daher an dieser Stelle. Weiß vielleicht jemand eine Möglichkeit, dieses Waldstück behördlich
schützen zu lassen. Vielleicht sind ja auf diesem Wege schon Erfolge erzielt worden.
Ein Schreiben an die zuständige Naturschutzbehörde vielleicht?!
Es wäre ja echt schade, wenn dieses Biotop zerstört würde.

Ich freue mich auf jede Anregung

Einen schönen Abend noch! Ingo

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Re: Rote Liste Arten in Kiefernwäldern

Andreas ⌂, (vor 7312 Tagen) @ Ingo

Hallo Ingo,

zunächst mal Gratulation zu dem schönen Fund, es ist tatsächlich und sicher der Halsband-Ritterling (Tricholoma focale).

Er ist tatsächlich eine ziemliche Seltenheit, kommt aber gebietsweise in den etnsprechenden Biotopen konstant und zum Teil in Mengen vor.
Die benötigten Biotope sind nährstoffarme, sandige Kiefernwälder. Man erkennt die geeigneten Biotope am fast bewuchsfreien Sandboden, der aber bei genauerem Hinsehen eine Menge Moose und vor allem Cladonia-Flechten beherbergt. Die von Dir geschilderte Artenzusammensetzung ist sehr typisch für diese Flechten-Kiefernwälder und es kann da durchaus noch mehr Stachelinge haben. Bankera fuligineoalba wäre z.B. ein heißer Kandidat. Aber auch schöne Pilze aus anderen Gattungen, Schleierlinge wie Cortinarius lux-nymphae und dergleichen. Und weil die Artenzusammensetzung so charakteristisch ist denke ich mal nur vom Biotop her, dass Dein habichtspilz nicht Sarcodon imbricatum, sondern Sarcodon squamosum sein müßte.

Was nun den Rote Liste Status anbelangt, so muss ich Dir da allerdings sagen, dass zur beurteilung von sowas sehr viel deutschlandweite oder allermindestens bundeslandweite Erfahrung gehört. Sowohl was aktuelle Vorkommen als auch was historische Vorkommen betrifft. Eine Art kommt dann in die Rote Liste, wenn ihr Bestand rückläufig ist. Wenn sie zwar selten ist, aber ihr Bestandsniveau seit langer Zeit konstant halten kann, dann gehört sie nicht auf die Rote Liste, auch wenn sie nur 10 Fundorte in ganz Brandenburg/Berlin hat. Eine Ausnahme sind die Top-Raritäten, bei denen bereits das Verschwinden eines einzigen Vorkommens den Gesamtbestand gefährdet.
Um also beurteilen zu können, ob der Halsband-Ritterling zurecht in einer bestimmten Kategorie in der Roten Liste steht, musst Du erstens die Zahl der aktuellen Vorkommen wissen und zweitens seine Bestandsentwicklung der letzten 100-150 Jahre einschätzen können. Letzteres geht bei Pilzen vor allem über die Biotopbindung. Im Falletricholoma focale kann mit Fug und Recht aufgrund der BVindung an nährstoffarme Flechten-Kiefernwälder sowie an nährstoffarme Pioniervegetation mit Zitterpappel von einem starken (wenn nicht sehr starken) Rückgang innerhalb der letzten 100 Jahre ausgegangen werden. Der bestand derzeit in Deutschland würde sie als "sehr selten" klassifizieren. Wir haben also eine "sehr seltene Art mit starken Rückgängen" sowie der Zukunftsprognose, dass diese Rückgänge sich durch die immer stärker zunehmende Eutrophierung der Landschaft per Luftschadstoffen sogar noch verschärfen. Die wenigen neu entstehenden Sekundär-Standorte an rekultivierten Abraumhalden können da nicht gegensteuern und sind eh "nur" wenige jahre ein geeignetes Biotop. Für mich ist Tricholoma focale eine Rote Lise 1 Art, die akut vom Aussterben bedroht ist.

beste Grüße,
Andreas

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Biotopschutz

Kattugla, (vor 7312 Tagen) @ Ingo

Meine Frage daher an dieser Stelle. Weiß vielleicht jemand eine Möglichkeit,
dieses Waldstück behördlich
schützen zu lassen. Vielleicht sind ja auf diesem Wege schon Erfolge erzielt
worden.
Ein Schreiben an die zuständige Naturschutzbehörde vielleicht?!
Es wäre ja echt schade, wenn dieses Biotop zerstört würde.
Ich freue mich auf jede Anregung
Einen schönen Abend noch! Ingo

Hi Ingo,

erstmal Glückwunsch zu den Funden!
Was den Schutz Deiner Waldinsel angeht, ist auf behördlichem Weg - soweit ich weiß - die Untere Naturschutzbehörde zuständig. Ich bin mir nur nicht sehr sicher, wie kreativ und verständig die Beamten dort sind, und ob das Stichwort "Biotopschutz" sich über das Mikrobiotop Schreibtisch hinaus erstreckt oder nicht. Aber es soll ja überall Überraschungen geben.
Gut beraten bist Du sicherlich, wenn Du Dich an den NABU wendest.
http://berlin.nabu.de/
http://www.nabubrandenburg.de/

Die sollten Dir auch sagen können, ob es z.B. in dem Waldareal verzeichnete Nistplätze besonderer Vögel gibt oder ob in dem Streichholzwald (bin selber in solchen Wäldern groß geworden...) vielleicht Pflanzen wachsen, die ebenfalls als selten eingestuft sind.

Biotopschutz greift (m.W.), wenn bestimmte Kriterien erfüllt sind, z.B. die Abgrenzung durch Straßen, Schneisen o.ä. von benachbarten gleichartigen Biotopen (ist ja bei Dir der Fall, wenn ich das richtig verstanden habe), geschlossene Verwertungskreisläufe (Stichwort Nahrungs- und Verwertungskette, ist wichtig, wenn z.B. vom Habichtspilz wiederum andere Verwerter abhängen), wobei wiederum bei einem so kleinen Gebiet sowohl die kritische Biotopqualität (Artenvielfalt) als auch die kritische Flächengröße wirklich kritisch sein könnte. Ab wann, erfährst Du ebenfalls bei der UNatSchB oder beim NABU.

Und zu guterletzt ist es nie schlecht, die ortsansässigen Waldnutzer auf seiner Seite zu haben und zu wissen, wer wovon Nutzen zieht. Ich kann mir zwar nur schlecht eine Bürgerinitiative zum Schutz des Habichtspilzes vorstellen, aber es soll ja auch anderweitig gelagerte - und ganz private - Interessen geben, die sich an so ein Wäldchen und dessen Erhalt knüpfen lassen... so für die Motivation... *g*

viele Grüße und Daumendrücken
Kattugla

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Im Montagskino: "Ritterlingszeit"

Thüringer-Holz, (vor 7312 Tagen) @ Ingo

Hallo Ingo,

Glückwunsch zum Halsband-Fund! ;-)

Auch hier in THR schieben die Ritterlinge ihre Fruchtkörper empor!
Ein Halsbandritterling ist mir nicht über den Weg gelaufen, dafür ist der heutige Fund vom Fastberingten für mich ebenso spektakulär gewesen.
Ich fühle mit dir!

Die "Grünen" sind nun also auch da, bin gespannt was deine "Kiefern-Dünen" noch so alles hergeben. Das wird noch ein verdammt guter mykologischer Endspurt!!

Beste Grüße
Felix

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Re: Rote Liste Arten in Kiefernwäldern

Ingo, (vor 7311 Tagen) @ Andreas

Hallo Andreas,
vielen dank für die Antworten und für die interessanten Infos.

zunächst mal Gratulation zu dem schönen Fund, es ist tatsächlich und sicher
der Halsband-Ritterling (Tricholoma focale).

Danke, mir fallen Zentnerlasten von der Schulter !

Und weil die Artenzusammensetzung
so charakteristisch ist denke ich mal nur vom Biotop her, dass Dein
habichtspilz nicht Sarcodon imbricatum, sondern Sarcodon squamosum sein
müßte.

Was ist denn das ??? Nie gehört oder gesehen! Nicht mal googeln bringt da was.

Was nun den Rote Liste Status anbelangt, so muss ich Dir da allerdings sagen,
dass zur beurteilung von sowas sehr viel deutschlandweite oder
allermindestens bundeslandweite Erfahrung gehört.

Nein, ich bin glaube mißverstanden worden. Natürlich sind die RL regional
bestimmt. Bei meiner Einschätzung der Arten bin ich davon ausgegangen, was
im BON steht bzw. ich habe mich auch etwas von den BW Pilzen leiten lassen.
Meiner Ansicht nach sollten in BW die meisten der deutschen Landschaftstypen
vorkommen und so in etwa auch den Zustand im gesamten Lande wiederspiegeln.

Verzweifelt habe ich versucht, im Internet an eine Rote Liste für Brandenburg
zu kommen. Leider bin ich nicht fündig geworden. Auch auf den DGfM-Seiten habe
ich nichts derartiges gefunden. Sollte es nicht auch bundesweite Listen geben?
Ich wäre schon interessiert an so etwas und für jeden Hinweis dankbar.

Die wenigen neu entstehenden Sekundär-Standorte an rekultivierten
Abraumhalden können da nicht gegensteuern und sind eh "nur" wenige
jahre ein geeignetes Biotop.

Warum sind rekultivierte Abraumhalden nur für wenige Jahre geeignet?
Weil es keine natürlich entstandenen Standorte sind - ähnlich wie Rindenmulch-
beete für Morcheln? Oder weil es sich eh um Nutzwald handelt, der früher oder
später plattgemacht wird? Grübel grübel...

Beste Grüße - Ingo

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Re: Rote Liste Arten in Kiefernwäldern

Andreas ⌂, (vor 7311 Tagen) @ Ingo

Hallo Ingo,

Was ist denn das ??? Nie gehört oder gesehen! Nicht mal googeln bringt da
was.

Sarcodon squamosus ist ein Doppelgänger zum "normalen" Habichtspilz, der sich ökologisch eben durch das Vorkommen in nährstoffarmen Flechten-Kiefernwäldern unterschiedet, während der Habichtspilz eher in Bergnadelwäldern auf Kalk unter Fichte wächst.
Festgestellt haben das schon lange die Wollefärber in Skandinavien. Die kannten nämlich Plätze, an denen Habichtspilze wuchsen, die ein schönes Graublau ergaben und dann wiederum Plätzen, an denen die Habichtspilze "nix taugten". Seit einiger Zeit erkennt "man" da ein Artenpaar an, ähnlich wie dies z.B. bei Boletopsis leucomelaena und B. grisea ist. Für den Kiefern-Begleiter hat man den alten Namen von J. Chr. SCHAEFFER wieder aufgenommen: Sarcodon squamosus (Schaeffer) Quélet.
Einzige mir bekannte Abbildung ist in der empfehlenswerten zeitschrift BOLETUS 24(1) von 2001.

Natürlich sind die RL regional bestimmt.

Eher nicht. Zu kleine Bearbeitungsgebiete machen keinen Sinn mehr für Rote Listen. Übertrieben gesagt wäre eine "Rote Liste des Kleinkleckersdorfer Waldes" wenig sinnvoll .... . Ich denke, eine Rote Liste sollte schon überregional sein, wobei man natürlich über die Bedeutung von "regional" streiten kann.

Bei meiner Einschätzung der Arten bin ich davon ausgegangen, was
im BON steht bzw. ich habe mich auch etwas von den BW Pilzen leiten lassen.
Meiner Ansicht nach sollten in BW die meisten der deutschen Landschaftstypen
vorkommen und so in etwa auch den Zustand im gesamten Lande wiederspiegeln.

Eher nein. Da muss man wiederum unterschieden, welche Biotoptypen in BW repräsentativ für's ganze Land vertreten sind und welche nicht. Viele südlich verbreitete Arten sind in BW nicht gerade selten und auch weniger rückläufig als in anderen Bundesländern. Sind in BW die Weißtannenbegleiter wie Lachs-Reizker nicht wirklich rotelistenwürdig, so sieht das in Thüringen schon ganz anders aus. In Brandenburg kommt die Art wiederum bestenfalls synanthrop vor, also unter gepflanzten Tannen in Botanischen Gärten, und gehört damit schon gar nicht in eine Rote Liste, auch wenn's der einzige Standort ist. Dafür sind in BW einige Weiden- und Pappelbegleiter vor allem der feuchten Standorte recvht selten, weil es diese Biotope kaum gibt, die dagegen in Brandenburg eher häufig sind. Beispielsweise der Rosagezonte Milchling, der für Brandenburg eher ein müdes Gähnen hervorruft. Oder Paradebeispiel Grünling: In BW in Rote Liste 2 einzuordnen, in Brandenburg Massenware.
Eine gesamtdeutsche Rote Liste muss dann wiederum auch ganz Deutschland berücksichtigen, was gerade bei örtlich häufigen, aber anderswo stark rückläufigen bis fehlenden Arten ziemlich schwierig ist.

2008 wird eine neue Rote Liste der Großpilze Deutschlands erscheinen, eine Fachgruppe der DGfM arbeitet gerade daran.

Verzweifelt habe ich versucht, im Internet an eine Rote Liste für Brandenburg
zu kommen. Leider bin ich nicht fündig geworden. Auch auf den DGfM-Seiten
habe
ich nichts derartiges gefunden. Sollte es nicht auch bundesweite Listen
geben?
Ich wäre schon interessiert an so etwas und für jeden Hinweis dankbar.

Es gibt für nahezu jedes Bundesland inzwischen eine Rote Liste der Pilze, z.T. schon in mehreren Neubearbeitungen. Gerade von brandenburg gibt es aber glaube ich keine, vielleicht wendest Du Dich mal an die Pilzkundliche Arbeitsgemeinschaft Berlin-Brandenburg (PABB). Die wissen das sicher am besten.
Auch eine gesamtdeutsche Rote Liste gibt es, Auflage 1992. 2008 wird nun wie schon erwähnt eine Neubearbeitung erscheinen.

Warum sind rekultivierte Abraumhalden nur für wenige Jahre geeignet?
Weil es keine natürlich entstandenen Standorte sind - ähnlich wie
Rindenmulch-
beete für Morcheln? Oder weil es sich eh um Nutzwald handelt, der früher oder
später plattgemacht wird? Grübel grübel...

Nein, sodnern weil es neu entstandene Biotope sind, die nun zunächst von den Arten besiedelt werden, die am schnellsten sind. Dieser Wettlauf wird von schnell reagierenden Arten gewonnen, die aber in aller regel den Nachteil haben, dass sie konkurrenzschwach sind. Ein paar Jahre später haben dann die konkurrezstärkeren, allerdings trägeren Arten das Kommando übernommen und die Pionierarten zurückgedrängt.
Diese Pioniervegetation kann man nicht selten beobachten, z.B. Brandstellen sind das Paradebeispiel dafür.
Der Halsband-Ritterling kann nun offenbar neben seinem ökologischen Lieblingsstandort "Flechten-Kiefernwald", in dem er wegen der Magerkeit des Bodens wenig Konkurrrenz zu fürchten braucht, auch diese Halden besiedeln, die ja im Anfangsstadium eine ganz ähnliche Vegetation mit Moosen und Flechten ausbilden. Allerdings wird dieser Pionierwald dann bald größer, die Flechten und Moose werden von anderen Pflanzen verdrängt, dadurch koimmt mehr und mehr Nährstoff ins Gebiet, andere Pilzarten können nun dort Fuß fassen und die (Pilz-, Flechten-, Pflanzen-)Vegetation der ersten Jahre verschwindet allmählich.
Diesen Vorgang nennt man Sukzession, er findet fortwährend in der Natur statt, sei es nun im Holz und auf der Rinde von frisch gefallenen Bäumen, an Abbrüchen, neu angelegten Wegen, entstandenen Lichtungen oder wo auch immer.

Ein gewachsener Flechten-Kiefernwald dagegen verändert sich über Jahrzehnte kaum mehr, sofern nicht menschliche Eingriffe dem entgegenwirken. Es ist daher auch wesentlich wirksamer, einen "natürlichen" Halsband-Ritterlings-Standort in einem Felchten-Kiefernwald zu erhalten, als einen auf einer Abraumhalde. Letzterer ist eh nur kurzlebiger Natur. Aber natürlich gut geeignet für so eine Art, mal wieder so richtig Sporen zu bilden und sich damit die Chance für weitere Neubesiedlungen zu verschaffen. Aber für den Erhalt der Art ist es mehr ein "von-der-Hand-in-den-Mund"-vegetieren.

Ich finde dieses Thema Sukzession und diese ganzen Zusammenhänge ungemein spannend, hoffentlich hat der Erguss hier nun nicht allzusehr Deine/Eure Geduld auf die Probe gestellt ....

beste Grüße,
Andreas

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Re: Biotopschutz

Ingo, (vor 7311 Tagen) @ Kattugla

Hallöle Kattugla,
erst mal vielen Dank für Deine Tip's und für Dein Daumendrücken.

Mit dem lieben Gefieder kenne ich mich leider gar nicht aus. Keine Ahnung,
ob da neben Eichelhäher und Waldkauz auch noch seltene Exemplare nisten.

Ich denke, der Andreas hat recht. Man muß erst mal schauen, ob die
gefundenen Arten in der betreffenden Region überhaupt RL-würdig sind.

Gerade Grünlinge und Habichtspilze habe ich in nahezu jedem Jahr gefunden.
Wer weiß, ob nicht im Nachbarrevier, 5 km um die Ecke, regelmäßig alles voller
Halsbandritterlinge steht?!

Vielleicht komme ich ja irgendwie an die aktuelle RL für BB heran.

Im Anschluß könnte ich mir dann überlegen, vielleicht mal einen Beitrag
an die Lokalpresse zu senden - oder so was ähnliches. Einen Antrag an eine
Behörde zu stellen und dann mit irgendwelchen Beamten zu disskutieren ist
nicht so mein Ding.

LG Ingo

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Re: Rote Liste Arten in Kiefernwäldern

Waldschrat, (vor 7311 Tagen) @ Ingo

... Ein Schreiben an die zuständige Naturschutzbehörde vielleicht? Es wäre ja echt schade, wenn dieses Biotop zerstört würde...

Hallo Ingo,
So bin ich auch mal rangegangen. Heute schäme ich mich fast meiner damaligen Naivität. Wenn Du etwas erreichst, dann nur solange, bis Bulldozer den Marschbefehl erhalten. Gegen Geld kämpfen selbst Götter vergeblich.
Nichts für ungut - Waldschrat

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Re: Rote Liste Arten in Kiefernwäldern

Andreas ⌂, (vor 7311 Tagen) @ Waldschrat

... Ein Schreiben an die zuständige Naturschutzbehörde vielleicht? Es wäre ja
echt schade, wenn dieses Biotop zerstört würde...
Hallo Ingo,
So bin ich auch mal rangegangen. Heute schäme ich mich fast meiner damaligen
Naivität. Wenn Du etwas erreichst, dann nur solange, bis Bulldozer den
Marschbefehl erhalten. Gegen Geld kämpfen selbst Götter vergeblich.
Nichts für ungut - Waldschrat

Hallo,

ebenfalls nix für ungut, aber man alles sein lassen, weil "man ja eh nix erreicht" - dann kann's auch nie was werden.
Ich gebe gerne zu, dass der Versuch, Natur zu schützen bzw. schützen zu lassen, ein sehr frustrierendes Unterfangen ist. Weil eben da viel Interessen am selben Fleckchen Natur ziehen und die Pilze (fast die gesamte Natur eigentlich) da kaum ein Lobby haben. Und trotzdem, und wenn man nur erreicht, dass ein entsprechendes Gebiet erst unter Schutz gestellt wird und dann doch den Bulldozern weichen muss. Dann hat man es den Baggern wenigstens nicht leicht gemacht und so manches inzwischen bebaute Fleckchen wäre aufgrund höherer zu leistender Ausgleichsmaßnahmen, wenn es denn geschützt gewesen wäre, unwirtschaftlich geworden und heute noch Natur ....

Aber wie gesagt, man braucht eine extreme Frusttoleranz :-((

beste Grüße,
Andreas

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Re: Rote Liste Arten in Kiefernwäldern

Waldschrat, (vor 7311 Tagen) @ Andreas

Hallo Andreas,

Deine Argumentation könnte von meinem Sohn stammen. Ich kriege mich bei dem Thema regelmäßig mit ihm in die Wolle. Aber belassen wir es dabei, das Forum ist ohnehin nicht der Platz für solche Thematik. Nur noch den Satz einer einfachen Kambodschanerin, der mir so gefällt. Er erschien 1992 in den Medien, weil diese Frau von einem deutscher Sanitätsgefreiten notversorgt worden war, bevor er tags darauf von Heckenschützen erschossen wurde:
"Auf der Welt muß sich g r u n d s ä t z l i c h etwas ändern".

Gruß - Waldschrat

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Re: Rote Liste Arten in Kiefernwäldern

Ingo, (vor 7311 Tagen) @ Andreas

Hallo Ingo,
Ich finde dieses Thema Sukzession und diese ganzen Zusammenhänge ungemein
spannend, hoffentlich hat der Erguss hier nun nicht allzusehr Deine/Eure
Geduld auf die Probe gestellt ....

Hallo Andreas, definitiv nicht! Einfach hochinteressant die Thematik
mit diesen Zusammenhängen - jedenfalls für mich.
Den meisten hier ist ja sicher bekannt, dass Du auch an den Bänden
für die Großpilze Baden-Württembergs mitgearbeitet hast, wo unter Anderem
vermehrt auf Standort- und Umwelteinflüsse eingegangen wird.
Um so schöner, dass Du Dein Wissen und Deine Erfahrungen hier im Forum in die
Waagschale wirfst.

Noch ein Aspekt am Rande. Der fragliche Kiefernbestand wurde etwa in den frühen
60-er Jahren angelegt und sollte damit ein ausgewachsener Bestand sein.
Darum kommt man ja jetzt auch zur Baumernte.

Beste Grüße und vielen Dank!
Ingo

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Re: Rote Liste Arten in Kiefernwäldern

Der Juergen, (vor 7311 Tagen) @ Waldschrat

Hallo Waldschrat,

"Auf der Welt muß sich g r u n d s ä t z l i c h etwas ändern

... vorher braucht man die Ärmel nicht hochzukrempeln und im Kleinen tätig zu werden?*g* Ganz im Ernst, man kann nur mit kleinen Schritten anfangen; macht man nämlich schon beim ersten eine Grätsche ... kommt man nicht vom Fleck, wenn Du verstehst was ich meine ;-) Vom südlichen Ende meines Sofas betrachtet, dachte ich auch schon oft, was manche Anstrengung eigentlich soll, wenn man eh nur gegen Windmühlen kämpft - dieser Resignation darf man nicht nachgeben!

Grüßle
Juergen

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Re: Rote Liste Arten in Kiefernwäldern

Hans Rießenberger, (vor 7311 Tagen) @ Ingo

Lieber Andreas, lieber Ingo,

ich fand eure Schilderungen ungemein interessant, gerade weil sie so
ausführlich und kompetent waren. Ich hoffe das es auch anderen Forums-
lesern so ging.

m.f.G.

Hans R.

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Re: Rote Liste Arten in Kiefernwäldern

Andreas ⌂, (vor 7311 Tagen) @ Waldschrat

Hallo Andreas,
Deine Argumentation könnte von meinem Sohn stammen. Ich kriege mich bei dem
Thema regelmäßig mit ihm in die Wolle. Aber belassen wir es dabei, das
Forum ist ohnehin nicht der Platz für solche Thematik. Nur noch den Satz
einer einfachen Kambodschanerin, der mir so gefällt. Er erschien 1992 in
den Medien, weil diese Frau von einem deutscher Sanitätsgefreiten
notversorgt worden war, bevor er tags darauf von Heckenschützen erschossen
wurde: "Auf der Welt muß sich g r u n d s ä t z l i c h etwas
ändern".
Gruß - Waldschrat

Hallo Waldschrat,

ich denke, ich verstehe was Du meinst und prinzipiell stimme ich Dir auch zu. Trotzdem drängt es mich, das zu versuchen was in meinen Möglichkeiten steht, auch wenn es in keiner Relation zu dem steht, was geändert werden müßte. Auch wenn ich mir bewusst bin, dass viele kleine Schritte nicht immer einen großen in die richtige Richtung geben. Dass tatsächlich notwendige generelle Umdenken kann man eh nicht durch Einzelaktionen steuern oder beeinflussen, dass muss die Menschheit (oder zumindest erkleckliche Teile davon) selbst begreifen. Aber vielleicht gibt es einen kleinen Zeitgewinn? Denn DASS ein Prozess des Umdenkens derzeit stattfindet, zumindest in den Industriestaaten Europas, davon bin ich überzeugt.

beste Grüße,
Andreas, der es auch dabei bewenden lassen will

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Re: Rote Liste Arten in Kiefernwäldern

Waldschrat, (vor 7311 Tagen) @ Der Juergen

Hallo Jürgen,
kleines Mißverständnis. Egal ob Grätsche oder Trippelschritt, Hauptsache in Richtung Ursache.
Gruß - Waldschrat

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Re: Rote Liste Arten in Kiefernwäldern

Waldschrat, (vor 7311 Tagen) @ Andreas

Amen!
Waldschrat

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@Genau, wir halten durch bis zum frostigen Ende! *oT*

Ingo, (vor 7311 Tagen) @ Thüringer-Holz

- kein Text -

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Nicht immer!

Helmut, (vor 7310 Tagen) @ Waldschrat

Der Verein für Pilzkunde München hat es vor ca. 20 Jahren schon geschafft, die Verbreiterung einer Straße wegen des Vorkommens von Boletus satanas und anderen seltenen Arten zu verhindern.

Nur einen Brief schreiben wird dazu aber nicht reichen. Da braucht es kompetente Unterstützung oder eine "Lobby". Die Hoffnung stirbt nie.

Gruß

Helmut

... Ein Schreiben an die zuständige Naturschutzbehörde vielleicht? Es wäre ja
echt schade, wenn dieses Biotop zerstört würde...
Hallo Ingo,
So bin ich auch mal rangegangen. Heute schäme ich mich fast meiner damaligen
Naivität. Wenn Du etwas erreichst, dann nur solange, bis Bulldozer den
Marschbefehl erhalten. Gegen Geld kämpfen selbst Götter vergeblich.
Nichts für ungut - Waldschrat