Fragen zu Mykorrhiza...

Ulysses, (vor 6070 Tagen)

Hallo an alle,

gestern bin ich beim Nachlesen in "Großpilze BW" in Band 1 auf etwas gestoßen, dass mich sehr stutzig macht: den Pilzen der Gattungen Tomentella (s.l.) und Thelephora wird dort bescheinigt, dass sie Mykorrhiza-Pilze sind!

Ohne sagen zu wollen, dass diese Aussage falsch sei, fehlt mir dafür doch zumindest z.T. das Verständnis, denn:

(1) Die (wenigen) bisher selbst gefundenen Tomentellas sahen in meinen Augen aus wie "ganz normale" Saprophyten an Holz - wenn sie Mykorrhiza machen, mit wem dann? Zu den Mykorrhizapartnern der Tomentella-Arten findet sich in GP BW aber nichts.

(2) Bei Thelephora palmata stimme ich der Mykorrhizatheorie gerne zu, diese Art finde ich immer am Boden wachsend und immer bei Nadelbäumen. Allerdings sind auch fast immer Nadelbaumwurzeln in auffälliger Nähe zu finden... ^^

(3) Bei z.B. Th. penicillata und terrestris allerdings haperts wieder - die erstere hab ich noch nie am Boden gefunden (bei drei Funden zweimal an stehenden, aber abgestorbenen Carex-Blattscheiden und einmal an Holz) und die letztere auch nur selten. Wenn diese Pilze Mykorrhiza machen (was ich ihnen ja gar nicht absprechen will), mit wem denn dann? Mit der Pflanze auf der sie wachsen?

Kann mich jemand schlauer machen? Wäre super :-)
Danke schon mal für Antworten,
Ulysses

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Re: Fragen zu Mykorrhiza...

Peter W., (vor 6070 Tagen) @ Ulysses

Hallo Ulysses,

hier mal ein kurze Auschnitt zu diesen Thema aus dem Artikel von Frank Dämmrich (Dämmi) unseren Tomentella Guru von Deutschland. (ZfM 72/2)

" Besonders interessant ist auch das Mykorrhiza-Verhalten vieler Vertreter dieser Pilzgruppe, das seit vielen Jahren erforscht wird (AGERER et al. 1995, AGERER & BOUGHER 2001, JAKUCS & AGERER 1999, 2001, JAKUCS et al. 2005, KÕLJALG et al. 2001, RAIDL & MÜLLER 1996). Für viele Arten tomentelloider Pilze ist Ectomykorrhiza nachgewiesen worden. Einzelne Funde mit eindeutig saprotropher Lebensweise (Dämmrich, unpubl.) lassen ein fakultatives Mykorrhiza-Verhalten vermuten."

Das Substrat, spielt für Tomentella nur eine untergeordnete Rolle. Es dient nur als Auflagefläche für die FK. So haben wir schon einige Arten auf Dung nachweisen können.

Gruß Peter

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Re: Fragen zu Mykorrhiza...

Christoph ⌂, (vor 6069 Tagen) @ Ulysses

Hallo Ulysses,

Peter hat ja schon einiges dazu geschrieben. Ich frage mal provokant dagegen: Was spricht gegen eine Ektomykorrhiza? Dass die Fruchtkörper an Holz wachsen? Auch der Maronenrhrling kann auf Holz wachsen (und ist definitiv ein Symbiont). Nein, wie Peter schon schrieb ist das Holz nur der Ort der Fruchtkörperbefestigung. Man kann die symbiotische Eigenschaft von Tomentella auch daran erkennen, dass sie genauso auf der Unterseite von Steinen (die sie eben nicht verdauen können) wachsen.

Die Pilzhyphen kannst Du eben nicht mit bloßem Auge sehen. Ob sie in den Boden gehen und dort an Wurzelspitzen gehen oder ob sie nur ins Holz gehen - wie willst Du das entscheiden?

Es sind weitere corticioide Pilze Mykorrhizapilze. So auch Piloderma croceum (und Verwandte), Tylospora, Amphinema byssoides etc. In populären Schwammerlbüchern stehen die meist als "saprob" (was halt geraten ist, denn wer weiß, was welcher Pilz frisst?), bilden aber Ektomykorrhiza. Und das ist teils schon seit einem oder mehr Jahrzehnten bekannt.

Ich persönlich bin eher vom Gegenteil überrascht. Ich habe schon davon gehört, dass manche Tomentellen auch saprob sein sollen. Der Nachweis ist aber schwer zu erbringen. Und falls ja, dann ist die Frage, welche Arten sich so verhalten.

Ich persönlich glaube nicht an die fakultative Ektomykorrhiza. Bei Kremplingen wollte man das mal beweisen (1970). Der Beweis misslang, das Gegenteil wirde gezeigt. Dennoch geistert immer wieder in der Literatur herum, der Kahle Krempling sei nur fakultativ ektotroph.

Ach ja, in Afrike gibt es (ektomykorrhizabildende) Lactarius-Arten, die nur an Holz, meist an lebendem und dann ca. 10-20 cm oberhalb der Bodenoberfläche wachsen. Das Myzel geht dennoch in den Boden hinein...

LG
Christoph

Hallo an alle,
gestern bin ich beim Nachlesen in "Großpilze BW" in Band 1 auf
etwas gestoßen, dass mich sehr stutzig macht: den Pilzen der Gattungen
Tomentella (s.l.) und Thelephora wird dort bescheinigt, dass sie
Mykorrhiza-Pilze sind!
Ohne sagen zu wollen, dass diese Aussage falsch sei, fehlt mir dafür doch
zumindest z.T. das Verständnis, denn: (1) Die (wenigen) bisher selbst
gefundenen Tomentellas sahen in meinen Augen aus wie "ganz
normale" Saprophyten an Holz - wenn sie Mykorrhiza machen, mit wem
dann? Zu den Mykorrhizapartnern der Tomentella-Arten findet sich in GP BW
aber nichts.
(2) Bei Thelephora palmata stimme ich der Mykorrhizatheorie gerne zu, diese
Art finde ich immer am Boden wachsend und immer bei Nadelbäumen.
Allerdings sind auch fast immer Nadelbaumwurzeln in auffälliger Nähe zu
finden... ^^
(3) Bei z.B. Th. penicillata und terrestris allerdings haperts wieder - die
erstere hab ich noch nie am Boden gefunden (bei drei Funden zweimal an
stehenden, aber abgestorbenen Carex-Blattscheiden und einmal an Holz) und
die letztere auch nur selten. Wenn diese Pilze Mykorrhiza machen (was ich
ihnen ja gar nicht absprechen will), mit wem denn dann? Mit der Pflanze
auf der sie wachsen?
Kann mich jemand schlauer machen? Wäre super :-)
Danke schon mal für Antworten,
Ulysses

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Re: Fragen zu Mykorrhiza...

Ulysses, (vor 6068 Tagen) @ Ulysses

Hallo Peter & Christoph,

vielen Dank euch beiden für die ausführlichen Antworten - wieder was gelernt :-)

Dann muss ich jetzt wohl nicht nur Ästchen, sondern auch Steinchen umdrehen *lach*

Besonders auch das Beispiel mit den Lactarii finde ich super & spannend... da gibts wohl auch noch ziemlichen Forschungsbedarf, könnt ich mir denken!

Danke nochmal & schöne Grüße,
Ulysses