Mysteriöse Ökologie von Sistotrema brinkmannii

Älbler, (vor 5412 Tagen)

Liebe Pilzfreunde,

im KRIEGLSTEINER steht, dass Sistotrema brinkmannii Endomykorrhiza mit Orchideen bilden soll. Diese Angabe hat mich interessiert und so habe ich im Internet mal recherchiert, was über die Ökologie dieses Rindenpilzes alles geschrieben wird.

Dabei habe ich eine möglicherweise ganz interessante Ökologie dieser Art aufgespürt.

Noch 2002 wurde in einer Doktorarbeit von NOETZLI K. P. die Art als einer der häufigsten Fäuleerreger bei pilzbefallenen Wildbachsperren nachgewiesen.

In dem Buch "Hausfäule- und Bauholzpilze Diagnose von Hausschwamm und anderen Holz zerstörenden Pilzen sowie Sanierung der Schäden" von Huckfeldt/Schmidt 2005 wird S. brinkmannii als Brinkmann's Rindenpilz sogar in einer Liste für "seltene holzzerstörende Pilze in Gebäuden" aufgelistet.

KRIEGLSTEINER weiß aber offensichtlich schon in 2000, dass es eine Endomykorrhiza mit Orchideen geben soll. Doch woher?
1999 haben Honold & Oberwinkler die Art aus Fichtenstämmen mehrerer Sturmwurfflächen isoliert und bestimmt. Ob der Pilz ein Fäuleerreger ist schreiben sie nicht.

Moncalvo et al. stellen 2006 mittels umfassender molekulargenetischer Untersuchungen fest, dass die Gattung Sistotrema hochgradig polyphyletisch ist und S. brinkmannii in die Verwandtschaft von Clavulina (Ektomykorrhiza) und Multiclavula (Lichenisierung) zu stellen ist.

Schließlich fand ich diesen Artikel von MATTHEW et al.

http://www.amjbot.org/content/94/8/1289.full

von 2007, wo unter anderem die Verwandtschaft von S. brinkmannii mit Multiclavula aufgezeigt wird. BINDER & HIBBETT weisen 2006 darauf hin, dass rein habituelle Ähnlichkeiten unter Pilzen die Verwandtschaft weniger wiederspiegeln als ökologische Muster (Braunfäuleerreger, Ektomykorrhizabildner usw.). Ist S. brinkmannii möglicherweise auch ein Algenschmarotzer wie Multiclavula?

Last not least wiesen HAO et al. 2002 die weltweit verbreitete Sistotrema brinkmannii in einer Bodenprobe aus einem "Dry Valley" der Antarktis nach, einem der lebensfeindlichsten Regionen dieser Erde. Die Forschergruppe um HAO fragt sich in ihrer Arbeit:

Zitat:
"Since there are no lignocelulosic substances in the Dry Valley’s of Antarctica, the substrates used by the fungus in Antarctic soils are uncertain."

In diesem extremen Lebensraum gibt es nichts anderes als Algen und Flechten. Nicht mal Holz von irgendwelchen Expeditionen.
Kann der Nachweis dieser Art in dieser Eiswüste ein zwingendes Argument für ein lichenisiertes Leben sein?

Übrigens war die ursprüngliche Absicht von HAO et al. nematodenfangende Pilze in den "Dry Valleys" nachzuweisen.

Über Endomykorrhiza mit Orchideen habe ich allerdings nichts gefunden!

Viele Grüße
Christian

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Re: Mysteriöse Ökologie von Sistotrema brinkmannii

Andreas ⌂, (vor 5412 Tagen) @ Älbler

Hallo Christian,

neuerdings wird die Gattung Sistotrema im System wieder anders beurteilt:
Agaricomycotina - Cantharellales - Hydnaceae
Ich weiß aber nicht, welche Art(en) sequenziert wurden, um zu dieser Aussage zu kommen. Möglicherweise Sistotrema confluens, die vermutlich innerhalb der polyphyletischen Gattung nicht mit Sistotrema brinkmannii congenerisch sein dürfte. Allerdings passt Sistotrema brinkmannii aufgrund der 6sporigen Basidien gut in die Ordnung, denn auch bei Cantharellus kommt sowas vor und mehr noch in der Gattung Botryobasidium (Botryobasidiaceae, Cantharellales).

Die Einordnung in die Cantharellales würde auch zu den von Dir präsentierten ökologischen Details passen. Immerhin sind hier auch die Tulasnellaceae enthalten, und einige Tulasnellen haben als Anamorphen Rhizoctonia-Arten, die ja schon lange als Orchideen-Mykorrhizapartner bekannt sind.

Dass eine Anamorphe Endomykorrhiza bildet, die Teleomorphe aber ein Saprobiont ist, ist nichts ungewöhnliches. Öfters noch kommt die Kombination Anamorphe=Parasit + Teleomorphe=Saprobiont vor. Viele gefürchtete Pflanzenkrankheiten sind Anamorphen von "harmlosen" Teleomorphen.

beste Grüße,
Andreas

Liebe Pilzfreunde,
im KRIEGLSTEINER steht, dass Sistotrema brinkmannii Endomykorrhiza mit
Orchideen bilden soll. Diese Angabe hat mich interessiert und so habe ich
im Internet mal recherchiert, was über die Ökologie dieses Rindenpilzes
alles geschrieben wird.
Dabei habe ich eine möglicherweise ganz interessante Ökologie dieser Art
aufgespürt.
Noch 2002 wurde in einer Doktorarbeit von NOETZLI K. P. die Art als einer der
häufigsten Fäuleerreger bei pilzbefallenen Wildbachsperren nachgewiesen.
In dem Buch "Hausfäule- und Bauholzpilze Diagnose von Hausschwamm und
anderen Holz zerstörenden Pilzen sowie Sanierung der Schäden" von
Huckfeldt/Schmidt 2005 wird S. brinkmannii als Brinkmann's Rindenpilz
sogar in einer Liste für "seltene holzzerstörende Pilze in
Gebäuden" aufgelistet.
KRIEGLSTEINER weiß aber offensichtlich schon in 2000, dass es eine
Endomykorrhiza mit Orchideen geben soll. Doch woher?
1999 haben Honold & Oberwinkler die Art aus Fichtenstämmen mehrerer
Sturmwurfflächen isoliert und bestimmt. Ob der Pilz ein Fäuleerreger ist
schreiben sie nicht.
Moncalvo et al. stellen 2006 mittels umfassender molekulargenetischer
Untersuchungen fest, dass die Gattung Sistotrema hochgradig polyphyletisch
ist und S. brinkmannii in die Verwandtschaft von Clavulina
(Ektomykorrhiza) und Multiclavula (Lichenisierung) zu stellen ist.
Schließlich fand ich diesen Artikel von MATTHEW et al.
http://www.amjbot.org/content/94/8/1289.full
von 2007, wo unter anderem die Verwandtschaft von S. brinkmannii mit
Multiclavula aufgezeigt wird. BINDER & HIBBETT weisen 2006 darauf hin,
dass rein habituelle Ähnlichkeiten unter Pilzen die Verwandtschaft weniger
wiederspiegeln als ökologische Muster (Braunfäuleerreger,
Ektomykorrhizabildner usw.). Ist S. brinkmannii möglicherweise auch ein
Algenschmarotzer wie Multiclavula?
Last not least wiesen HAO et al. 2002 die weltweit verbreitete Sistotrema
brinkmannii in einer Bodenprobe aus einem "Dry Valley" der
Antarktis nach, einem der lebensfeindlichsten Regionen dieser Erde. Die
Forschergruppe um HAO fragt sich in ihrer Arbeit: Zitat: "Since there
are no lignocelulosic substances in the Dry Valley’s of Antarctica, the
substrates used by the fungus in Antarctic soils are uncertain."
In diesem extremen Lebensraum gibt es nichts anderes als Algen und Flechten.
Nicht mal Holz von irgendwelchen Expeditionen.
Kann der Nachweis dieser Art in dieser Eiswüste ein zwingendes Argument für
ein lichenisiertes Leben sein?
Übrigens war die ursprüngliche Absicht von HAO et al. nematodenfangende Pilze
in den "Dry Valleys" nachzuweisen.
Über Endomykorrhiza mit Orchideen habe ich allerdings nichts gefunden!
Viele Grüße
Christian

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Re: Mysteriöse Ökologie von Sistotrema brinkmannii

Älbler, (vor 5412 Tagen) @ Andreas

Hallo Andreas,

das habe ich auch gelesen, dass Sistotrema confluens zu den Hydnaceae gehört. Ich denke das leuchtet auch ein, wenn man die kreiselförmigen Fruchtkörper mit dem stacheligen Hymenium sieht.

Hier:

http://www.mycologia.org/content/98/6/937.full.pdf

taucht S. confluens im Clade von Hydnum auf, während S. brinkmannii im Clade von Clavulina gelistet ist. Diese Clusterung ist wohl molekulargenetisch belegt.

Ich vermute, weil Sistotrema confluens eindeutig zu den Hydnaceae gehört wurde die gesamte Gattung dort hin verschoben, ungeachtet der neuesten Erkenntnisse, dass Sistotrema polyphyletisch ist. Meiner Ansicht nach können wir darauf warten, dass Sistotrema in mehrere Gattungen aufgeteilt wird, wobei dann die Sippe um S. brinkmannii zu den Clavulinaceae gehören müsste.

Viele Grüße
Christian

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Re: Mysteriöse Ökologie von Sistotrema brinkmannii

Älbler, (vor 5410 Tagen) @ Andreas

Hallo Andreas,

das mit den Anamorphen habe ich nicht gewußt und geht aus den von mir im Internet gefundenen Abstacts und Publikationen nicht hervor, weil dort eben nur Teleomorphe genseqenziert wurden.

Damit wird vieles verständlich. Weißt du aus welcher Publikation die Angabe zur Orchideenmykorrhiza in KRIEGLSTEINER Band I stammt?

Viele Grüße
Christian

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Re: Mysteriöse Ökologie von Sistotrema brinkmannii

Stefan S., (vor 5412 Tagen) @ Älbler

Hallo Christian,

CURRAH et al. haben bereits 1990 einen Artikel veröffentlicht, in dem die Endomykorrhiza von Sistotrema spec. mit Plathanthera obtusata beschrieben wird. Der Artikel liegt mir zwar nicht vor, aber hier ist zumindest der Abstract gratis zu lesen:

http://www.nrcresearchpress.com/doi/abs/10.1139/b90-149?journalCode=cjb1

Grüße
Stefan