Das war der Juni im Tagebau *PIC*

jesko, (vor 4866 Tagen)

Regen gab’s, Wasser gab’s und Pilze gab es auch im Juni in den rekultivierten Braunkohletagebaugebieten südlich von Leipzig. Zunächst sei noch einmal an die Hochwasseropfer erinnert: Beitrag 233252
Anschließend wurden selbige natürlich geborgen und sofort kräutermedizinisch gegen Husten behandelt:

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Zur Überwindung der bürokratischen Hürden bei der Beantragung der Soforthilfe für Hochwasseropfer verzichteten sie allerdings auf ihren fremdartigen Namen aus dem letzten Thread und gaben vor, einfach nur vom Schicksal hart mitgenommene schwarze Schafe, oder auch Schwarze Lorcheln (Helvella atra), zu sein.

Andere dagegen sind im Nassen in ihrem Element wie zum Beispiel diese Mürblinge:

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Mit mittelgroßen, keimporuslosen Sporen und nicht zystidenbelasteten Lamellenflächen passt das zu Psathyrella typhae, dem Sumpfpflanzenmürbling. Der Name lässt erahnen, dass der Typus am Rohrkolben gefunden wurde. Inzwischen sind aber auch weitere Sumpfgräser als Substrat dieser Art bekannt geworden. Hier wuchs sie an Stängeln und Blättern von Schilf (Phragmites).

Nach dem vielen Regen hätte man sich eigentlich auf einen ganz besonders pilzreichen Frühsommer freuen dürfen, doch so dicke wie das Hochwasser kamen die Pilze leider nicht. Es war eher durchschnittlich, aber immerhin besser als in den vergangenen zwei Jahren, die durch ein äußerst trockenes Frühjahr negativ aufgefallen waren. Dass es im Juni trotz Wasser im Übermaß nicht so gut geklappt hat, könnte freilich – wir spekulieren – am ungewöhnlich langen Winter gelegen haben, und als die Pilze dann so langsam loslegen wollten, hatten wir tagelang über 30 Grad. Diese kurze Hochsommerphase ist jetzt – bei eigentlich idealem Sommerpilzwetter – noch immer zu spüren: Bei uns steht so fast nichts an größeren Pilzen mit Hut und Stiel.

Ein regenreicher Frühsommer ist in den Rekultivierungsgebieten immer eine gute Zeit für Risspilze. Ein paar habe ich auch dieses Jahr eingefangen wie z.B. Inocybe curvipes. Die ist eigentlich nicht sonderlich selten bei uns. Meist zieht sie Pappeln vor, die abgebildeten Exemplare wuchsen jedoch in einer Eichenpflanzung. Mikroskopisch sind die Gummibärchensporen und die sehr breiten, fast kugeligen Hymenialzystiden gute Bestimmungsmerkmale.

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Inocybe curvipes

Ein weiteres Kamel, wie meine bessere Hälfte die höckersporigen Risspilze zu nennen pflegt, ist Inocybe jacobi, die in den Tagebaufolgelandschaften an Stellen mit schütterem Bewuchs immer mal zu finden ist. Die Art ist mit ihrem zweifarbigen Hut eigentlich schon makroskopisch ganz gut gekennzeichnet.

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Inocybe jacobi

Exkurs: Als ich mich dann auf einen kleinen Risspilz, der unter einer einzelnen Weide wuchs, einlassen wollte und dazu unter den daneben befindlichen Weißdornstrauch kriechen musste, bemerkte ich diese kleinen Holzkeulen, die – man ahnt es schon – an vermulmten Weißdornfrüchten aus dem Vorjahr wuchsen.

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Xylaria oxyacanthae (Weißdornfruchtholzkeule)

Doch zurück zu den Schleierlingsarten, denn von diesen findet man im Frühjahr und Frühsommer ja nicht nur Risspilze. Einzelne Fälblinge oder gar größere Gruppen von Hebeloma mesophaeum lassen sich meist auch schon blicken, und bei den Cortinarien gibt es ja bekannte voreilende Arten wie C. vernus oder C. helobius. Früh im Jahr beobachte ich auch immer wieder Cortinarius saniosus, oft noch fälschlich als Gelbgeschmückter Raukopf bezeichnet (diese Art ist eine Telamonia, kein Raukopf). Für diese Laubwaldart sind das gelbe Velum und die warmen ockergelben bis gelbbräunlichen Farben charakteristisch. Meist ist sie bei Pappel oder Weide zu finden, aber auch bei Linde oder, wie hier, bei Eiche habe ich Cortinarius saniosus schon mehrfach beobachtet.

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Cortinarius saniosus

In solchen Edellaubwäldern in spe lässt sich im Frühsommer auch oft die Grubenlorchel (Helvella lacunosa, vielleicht sensu lato?) beobachten. Besonders interessant war ein ca. 100 x 100 m großes, mit Traubeneiche, Hainbuche und Linde bepflanztes Areal, in dem an vielen Stellen eigenartig helle Grubenlorcheln erschienen. Die Mitra war stets hellgrau bis grau und nicht dunkelgrau oder schwärzlich, der Stiel stets weißlich.

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Helvella lacunosa forma

Hier wird es fraglich, ob man einfach an ein Myzel der Grubenlorchel mit farblich abweichenden Fruchtkörpern oder aber an die lange Zeit unterschiedene Sattellorchel (Helvella sulcata) glauben will. Diese Frage stelle ich und ducke mich schnell weg, denn damit will ich nichts weiter zu schaffen haben.

Im genannten Areal wie auch an einigen anderen Stellen konnte ich in teils großen Mengen Melanogaster broomeianus finden. Eigentlich hätte ich ja bei der Feuchtigkeit auch auf ein paar andere Hypogäen spekuliert, aber selbst die Nachsuche unter Hasel brachte immer nur eines hervor: Kartoffeln, Kartoffeln, Kartoffeln (potato fields forever...)

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Melanogaster broomeianus

Neben verbreitetem Kartoffelbraun bringt ein regenreicher Frühsommer im Ex-Tagebau stets auch allenthalben orangerötliche Farbtupfer. Diese gehören in den allermeisten Fällen zu Pulvinula constellatio, die in den Tagebaufolgelandschaften eine ausnehmend häufige Art ist:

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Pulvinula constellatio

Und noch ein Farbtupfer zum Abschluss: Saftlinge erscheinen natürlich auch schon ab Mai. Allerdings hält sich die Artenvielfalt bei den Tagebaufolge-Saftlingen in sehr engen Grenzen. In vielen Jahren habe ich kaum mal etwas anderes als Hygrocybe conica (ss. l.) und persistens finden können. Und hier noch einmal so richtig dicke Schwärzende Saftlinge:

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Hygrocybe conica

Allen, die sich mit mir bis hierher durch die Tagebaufolgelandschaft durchgekämpft haben, vielen Dank und eine gute Nacht.

Jesko

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Re: Das war der Juni im Tagebau

Gábor, (vor 4866 Tagen) @ jesko

Hallo Jesko,
vielen Dank für Deinen schönen Beitrag!
LG, Gábor

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Re: Das war der Juni im Tagebau

HARZPILZCHEN, (vor 4866 Tagen) @ jesko

Moin Jesko

Vielen Dank für die schönen Einblicke. Vielleicht komme ich bald mal vorbei. LG Harzi

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Cortinarius saniosus *PIC*

interhias ⌂, (vor 4866 Tagen) @ jesko

Hallo Jesko,

sehr schöne Funde, diese Psathyrella und I. curvipes fehlen mir noch.

Cortinarien mit gelbem Velum habe ich immer wieder mal in den verschiedensten Habitaten gefunden, aber keinen blassen Schimmer, wie ich sei einordnen soll.

Letztes Jahr ist mir im Gebirge bei Fichte und jungen Buchen dieser 8 mm-Winzling begegnet, der vergesellschaftet mit I. hystrix wuchs:
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Link zur Doku

Ebenfalls aus der Vorsaison stammt dieser Fund aus dem Münchner Raum bei Salweide und Eiche, der mit besonders stark ausgeprägten gelben Velumgürteln auffällt. Die Pilze ähneln stark dem Foto von C. saniosus, das in GpBW auf S. 43 abgebildet ist.
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Link zur Doku

Und dann habe ich noch zwei einander sehr ähnliche Kollektionen mit auffallend gelblichen Lamellen, die aber aus völlig unterschiedlichen Habitaten stammen.
Dieser hier aus einem Münchner Park bei Buche:
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Link zur Doku

Und der hier aus einem Bergfichtenwald im Ammergebirge:
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Link zur Doku

Ich habe alle Kollektionen unter "Aggregat saniosus" abgelegt. Die letzten beiden könnten trotz unterschiedlichen Habitats zusammen gehören, die erste Kollektion fällt durch die Minifruchtkörper und rotbraune Lamellen mit Violettstich aus dem Rahmen, die zweite durch viel breitere Sporen.

Vielleicht stimmt eine davon mit deinen Saniosi überein?

Beste Grüße
Hias

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Re: Das war der Juni im Tagebau

jesko, (vor 4866 Tagen) @ HARZPILZCHEN

Hallo Hartmut,

Vielen Dank für die schönen Einblicke. Vielleicht komme ich bald mal vorbei.
LG Harzi

Du bist natürlich immer herzlich eingeladen. Freilich ist es im Tagebau von Mai bis Juni und dann wieder im Oktober am interessantesten. Der Sommer muss schon sehr sehr verregnet sein, damit man hier auf seine Kosten kommt. Auch wenn heute der Boden einer Espenpflanzung über und über mit Scutellinien o.ä. bedeckt war, so was magst Du ja.

Viele Grüße,
Jesko

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Re: Cortinarius saniosus

jesko, (vor 4866 Tagen) @ interhias

Hallo Hias,

danke für Deine ausführliche Antwort und die Links zu Deinen Dokus. Problemlos als saniosus würde ich den Vorsaison-Fund aus dem Münchner Raum bei Salweide/Eiche einschätzen. Das Habitat passt, makroskopisch kommt es auch bestens hin (beide Fotos). Bei sehr frischen Exemplaren hat saniosus in der Tat einen weißlichen bis irgendwie hellgrauen Stiel, auf dem das gelbe Velum schön kontrastiert. Nach und nach färbt das Velum auf den Stiel ab, so dass dieser irgendwie "goldbräunlich" (ist jetzt nicht sehr exakt) wird. Die breitelliptischen Sporen passen (sind etwas klein, aber wohl noch gut innerhalb der z.B. von Lindström & al. 2008 gegebenen intraspezifischen Variabilität). Der Huthautaufbau stimmt auch, nur gibst Du, wenn ich mich recht erinnere, sehr breite Epikutishyphen an. Ich denke, wenn Du wirklich nur die langen, fädigen Hyphen in den wenigen Epikutislagen nimmst, sind sie etwas schmaler. Pigment passt auch. Damit hast Du m.E. alles beisammen, um diese Kollektion - zumindest nach aktuellem taxonomischen Kenntnisstand - als ordentlichen saniosus zu bezeichnen.
C. saniosus kenne ich eigentlich als ziemlich banale Art. Im Herbst wird man besonders bei Pappel und Weide durchaus recht schnell fündig, wenn man auf diese ja sogar einigermaßen auffällige Art achtet.

Zu Deinen weiteren tollen Kollektionen fällt mir aus dem Hut erst einmal so überhaupt nichts ein. Saniosus ist wohl keine davon, meist sind schon die Sporen deutlich zu klein. Insbesondere bei dem Fund unter der Buche lehne ich mich mal weit aus dem Fenster mit der Vermutung, dass das keine Telamonia, sondern eine echte Leprocybe sein könnte. Selbstverständlich spräche die Sporenform dagegen, andererseits hast Du typische, gelbgrünliche Leprocybe-Farben (erinnern z.B. an C. venetus), eine rötliche KOH-Reaktion und eine einigermaßen typische Leprocybe-Huthaut (keine dünnen Epikutis-Hyphen).

Viele Grüße,
Jesko

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Schöne Pilzchen, danke fürs zeigen! *oT*

Joschi Siembida ⌂, (vor 4866 Tagen) @ jesko

- kein Text -

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Re: Cortinarius saniosus

interhias ⌂, (vor 4866 Tagen) @ jesko

Hallo Jesko,

dank dir für die Einschätzung, das hilft mir schon viel weiter. Ich muss mir auch den Artikel von Lindström et al. 2008 nochmal in Ruhe zu Gemüte führen. Die Saniosi aus dem Münchner Raum stammen aus einem Sukzessionswald mit viel Eiche, Pappel, Weide usw. So was dürfte es in deiner Gegend öfter geben. In den typischen Buchen-Tannen-Fichten-Mischwäldern im Voralpenland und im Gebirge habe ich diese Cortinarien noch nie gefunden. Schön, dass du diese Art mal gebracht hast, denn Fotos davon sind nicht gerade Massenware.

Die Teile mit den olivgelben Farben sind schon sehr eigen;-) Da ist Wiederfinden angesagt.

Beste Grüße
Hias