Alptraum eines Pilzkontrolleurs

Harald Andres Schmid, (vor 8428 Tagen)

Heut ist ein harmlos regnerischer Tag im Herbst.
Da werden nicht viele auf die Pilzkontrolle kommen.
In der Stadt treffe ich erst noch Marie-Louise, die strahlend ihren neuen Motorroller ausführt.
Sie anerbietet sich, mit auf die Kontrolle zu kommen, obwohl sie nicht eingeteilt ist.
Zu zweit ist es alleweil einfacher.
"Wetten, ich bin vor dir dort?"
Kunststück, mit dem Roller, aber es ist erst halb fünf.
Als ich eintreffe ist sie schon da.
Es ist erst viertel vor fünf. Die Tür steht offen.
Ich stutze. Vor der Tür ein weisser Lieferwagen.
Wer geht denn schon mit einem Lieferwagen in die Pilze?
Drin traue ich meinen Augen nicht.
Als erstes ein strahlender junger Italiener mit einer riesigen, grauen Plastikkiste, in der sich türmen:
Ja, was wohl - Hallimasch.
Aber nicht einfach Hallimasch. Nein, die ältesten, vergammeltsten, riesigsten, dreckigsten Bündel Hallimasch, die ich je gesehen und gerochen habe.
Er strahlt mich an. Der ganze Raum voll verfrüht eingetroffener Pilzsammler, jeder mit Bergen von Hallimasch.
Hallimasch in Körben, in Tüten, in Sperrgutsäcken.
Doch alle bewundern die Beute des jungen Italieners.
Zum ersten Mal in Pilze! sagt er und strahlt.
Ich lächle gezwungen zurück.
Marie-Louise blickt verzweifelt von der Kiste auf.
"Da bist du ja endlich!"
Sie versucht die riesigen, vergammelten Hallimaschbündel, von denen Erde und die Blätter rieseln, aus der Kiste zu zerren und irgendwie auszulegen. Doch es fehlt der Platz.
Die unteren Bündel sind ziemlich zerquetzscht, der Pilzmatsch rinnt ihr nur so durch die Hände.
Das Publikum steht drum herum und amüsiert sich auf italienisch.
Ich versuche zu helfen, doch es wird alles nur noch schlimmer. Ich versuche den Boden der Kiste auszumachen. Zwischen zwei verquetschten Maronenröhrlingen hindurch kann ich auf dem Grund einnen Schlamm aus weissem Sporenstaub, zerfetzten Pilzhüten, Regenwasser und zerkrümelten Blättern ausmachen.
Ich erhebe pädagogisch meine Stimme und verkünde, dass man nur junge, frische Pilze sammeln sollte, und schon gar nicht in diesen Mengen.
Der Italiener hat das Stichwort gekriegt.
"Keine Probleme, die andere sind noch in Auto!"
Ich schnappe nach Luft. "Im Au..?"
"Ja, ich holen, sie können helfen" Sagt er zu zwei umstehenden Italienern, die die Szene sichtlich geniessen.
Sie schleppen drei weitere Kisten Hallimasch in den Raum und knallen sie auf die Tische.
Wolken von weissem Sporenstaub steigen auf.
Einige Spinnen flüchten aus den Kisten panisch über die Tische und den Boden, der sich mit einem Gemisch aus Regenwasser von den Schuhen und dem Dreck aus den Kisten bedeckt hat.
Mittlerweile hat sich der Raum bis in den letzten Winkel mit unzähligen anderen Pilzsammlern angefüllt, die teils amüsiert, teils ungeduldig die Szene betrachten.
Ich beschliesse, Ordnung ins Chaos zu bringen, und erst die anderen abzufertigen.
Das junge Pilzgenie soll warten.
Gesagt, getan, ich will mich zu einem anderen Tisch bewegen, rutsche auf dem Glitsch aus und falle fast einer zierlichen, weisshaarigen alten Dame in die Arme, die mich gleich am Ärmel packt und mir klarzumachen sucht, dass sie doch nur diese zwei klitzekleinen Pilzchen in ihrer Hand gerne bestimmt hätte, und ob ich doch nicht erst...
Ich gebiete Ruhe und sage, es gehe der Reihe nach.
Marie-Louise hat sich ein Herz gefasst und hört auf, Kehrichtsack um Kehrichtsack mit vergammelten Hallimasch zu füllen und gebietet dem jungen Italiener, seine Kisten mitzunehmen und selbst zu entsorgen.
Sie schreibt 30 Kilogramm Hallimasch, ungeniessbar, auf den Kontrollzettel und versucht Ordnung zu schaffen.
Alle helfen mit, die Hallimasch-Leichen wieder in die Kisten zu packen, während ihnen die Springschwänze um die Ohren fliegen. Der kleisterige Belag auf den Tischen lässt sich jedoch kaum wegwischen.
Die alte Dame zupft mich wieder am Arm, während ich mich über einen weiteren Berg Hallimasch (frische) bücke, und fragt, ob ich nicht erst ihre kleinen, beiden Pilzchen...
Auf meinen Fingerspitzen hat mittlerweile sich ein klebriger, zäher, brauner Belag gebildet, der sich kaum wegwischen lässt, und bewirkt, dass meine Fingerspitzen langsam taub und gefühllos werden.
Ich versuche ruhig durchzuatmen und wende mich dem nächsten Sammler zu, während der vorige immer noch in gebrochenem Deutsch auf mich einredet, ob er die Hallimasch auch abbrühen müsse, wenn er sie einfriere.
Nach einer endlos scheinenden Zeit ist es geschafft. Ich blicke auf. Der Rücken schmerzt
Marie-Louise steht da und schaut mich mit grossen Augen an. Wir stehen inmitten eines Lokals, dass aussieht, als hätte jemand nassen Waldboden durchs Fenster hereingeschmissen.
Doch halt... Da steht ja noch die alte, zierliche Dame.
Ich entschuldige mich und nehme lächelnd ihre zwei Pilzchen entgegen.
Es sind - Hallimasch...
"Was?" Fragt sie.
"Hallimasch," sage ich.
"Das sind nicht die gleichen, wie bei den andern!"
"Doch!"
Sie schaut mich ungläubig und misstrauisch an und verschwindet.
Wir schauen uns an.
Wir lassen uns nieder.
"Wie viele waren es denn heute," frage ich, um die Situation etwas aufzulockern.
Marie-Louise nimmt den Block und versucht die Kopien durchzuzählen.
Nichts zu lesen.
Ich habe bei jeder Seite das Kohlepapier verkehrt herum eingelegt.
Die Kopie befindet sich wohl auf der Rückseite der Originale der Sammler...
Bloss der Alptraum eines Kontrolleurs?
Nein! So geschehen am 1. Oktober 1993 auf der Pilzkontrollstelle in Baden.

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Nachtrag:

Harald Andres Schmid, (vor 8428 Tagen) @ Harald Andres Schmid

Nein! So geschehen am 1. Oktober 1993 auf der Pilzkontrollstelle in Baden.

Der Vorfall hat wohl meine Sinne komplett vernebelt.
Wir haben 2003, nicht 1993...
*ggg*
Harald Andres

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Vielleicht liegt es am Halli-Sporenstaub! *oT*

elfi ⌂, (vor 8428 Tagen) @ Harald Andres Schmid

- kein Text -

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Re: Vielleicht liegt es am Halli-Sporenstaub!

Harald Andres Schmid, (vor 8428 Tagen) @ elfi

ich hoffe, ich habe den Sammlern nicht auch 1993 auf den Kontrollzettel geschrieben, Elfi, sonst kommen die nie wieder... *ggg*
Gruss, Harald Andres

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Re: Alptraum eines Pilzkontrolleurs

Rene, (vor 8428 Tagen) @ Harald Andres Schmid

Hallo Harald Andres

Ich habe mich selten so amüsiert wie beim lesen deines Beitrags. Nicht das ich mich über dich lustig machen möchte, doch der Beitrag ist so herrlich geschrieben dass man einfach schmunzeln muss (kenne ähnliche Situationen betreibe ich doch auch Pilzkontrollstelle). Schön übrigens das sich so viele Leute aktiv für den Waldschutz einsetzen und den von Forstleuten so unbeliebten Schädling aus dem Wald holen und in ihren Pfannen venichten wollen ;-).

Die Sammler die Ihre "Ware" der Kontrolle vorlegen betrachte ich als Kundschaft und feine Hinweise können oft helfen die Sammeltätigkeiten in die richtige Richtung zu lenken und auch die richtigen Tips für weitere Sammelaktionen abzugeben. Dies funktioniert in der Regel recht gut. So kann man z.B. bei einem völlig vermadeten Objekt (natürlich Speisepilz) den Sammler fragen ob er Vegetarier sei, wenn nein könne er den Pilz essen. Natürlich erfolgt sofort die Nachfrage wieso, man kann ihm dann die Maden zeigen und fragen ob er dies wirklich essen will und natürlich wandert der Pilz dann auf den Kompost.

Eine kleine, wirklich so erfolgte Story möchte ich euch nicht vorenthalten. Ein junger Italiener (nichts gegen Italiener) kommt mit Einkaufstaschen voll Hallimasch (von jung bis alt) auf die Kontrollstelle. Gleiches Bild wie in deinem Beitrag; alles auf den Tisch ausgeschüttet, gewissenhaft jeden Pilz kontrolliert und was geniessbar war in die Einkaufstaschen zurückgelegt und am Schluss den ganzen, auf dem Tisch verbleibenden Dreck, Spinnen und was da sonst noch war über die bereits kontrollierten Pilze wieder in die Einkaufstaschen gewischt. Hat sicher gut geknirscht beim Essen. Der junge Italiener und ich schauten uns ohne Worte an und verabschiedeten uns dann. Am nächsten Sonntag war er wieder bei mir mit einem geradezu mustergültigen Pilzkörbchen mit ein paar jungen, sauberen Hallimaschköpfchen, gerade recht für eine Mahlzeit.

Quot errat demonstrandum (was zu beweisen war), es braucht nicht viel den Leuten das richtige Sammeln beizubringen. Hätte da natürlich noch einige weitere Beispiele ;-)

Fazit: Meine "Kundschaft" sammelt mittlerweile sehr diszipliniert und ich verstehe mich gut mit meinen Stammkunden.

Gruss René

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Re: Alptraum eines Pilzkontrolleurs

42, (vor 8428 Tagen) @ Harald Andres Schmid

Herrlich geschrieben!

Gruß
Thomas

P.S.: Man sollte überlegen, die Hallimasche zu den rauscherzeugenden Pilzen zuzuordnen - allerdings wirds dann bald ein Sammelverbot geben ...

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Re: Alptraum eines Pilzkontrolleurs

Joachim, (vor 8428 Tagen) @ Harald Andres Schmid

Hallo Harald,
das ist ein super Beitrag! Ich wusste nicht ob ich Lachen, oder Weinen soll.
Wenn zu mir einer mit einem Lieferwagen voller Pilze zur Pilzbestimmung käme, würde ich das glatt ablehnen. Den Hallimasch kann man ja noch relativ schnell durchschauen und bestimmen, was aber wenn jemand mit einem großen Korb voll Stockschwämmchen kommt? Ich lehne in diesem Fall die Bestimmung ab und gebe die Pilze nicht zum verzehr frei. Ich übe die Pilzberatung, wie die meisten Pilzsachverständigen (PSV), ehrenamtlich aus. Ein PSV ist doch keine Pilzsortieranstalt. Durch intensive "Pressearbeit" habe ich erreicht dass fast nur noch Pilzfreunde (?) mit einzelnen Pilzarten zur Beratung kommen.
Mit freundlichen Grüßen
Joachim

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Es läuft nicht immer so! *ggg*

Harald Andres Schmid, (vor 8428 Tagen) @ Harald Andres Schmid

hallo, zusammen
Schön, dass euch unser Erlebnis erheitert hat.
Es ist natürlich in dieser extremen Form eine Ausnahme.
Ich kann sagen, dass die Disziplin der Sammler im Raum Baden im Durchschnitt recht hoch ist.
Das hat natürlich auch damit zu tun, dass wir sie in in gewissem Masse "erziehen".
Ein unkundiger Sammler, der einen Korb voll Wald abrupft, und mir zum Aussortieren vorlegt, kriegt einen klaren Hinweis, dass ich diesmal ein Auge zudrücke (falls nicht noch 30 Sammler hinter ihm warten), das nächste Mal aber alles kommentarlos wegkippe.
Die Italiener gehören dabei durchaus zu sehr disziplinierter Stammkundschaft.
Manche kommen täglich auf die Kontrolle und verhalten sich äusserst respektvoll und umgänglich uns gegenüber, kennen sich z.T. auch sehr gut aus mit Pilzen.
Der 1. Oktober 2003 stand da wohl unter einem unglücklichen Stern.
Da lief etwa alles schief, was schief gehen kann.
Dass zum Abschluss noch der Kontrollblock leer war, und alles offiziell "gar nicht stattgefunden hat", finde ich eine köstliche Pointe.
Ich denke, ihr hättet in dem Moment unsere Gesichter sehen sollen....
Lieben Gruss, Harald Andres

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Re: Alptraum eines Pilzkontrolleurs

Piwo, (vor 8428 Tagen) @ Rene

Quot errat demonstrandum (was zu beweisen war), es braucht nicht viel den
Leuten das richtige Sammeln beizubringen. Hätte da natürlich noch einige
weitere Beispiele ;-)
Fazit: Meine "Kundschaft" sammelt mittlerweile sehr diszipliniert
und ich verstehe mich gut mit meinen Stammkunden.
Gruss René

Hallo Harald Andres und Rene,

ich bin kein geprüfter, sondern freischaffender ehrenamtlicher (=kostenlos)Pilzberater seit einigen Jahrzehnten. Die Beratungen laufen nach telefonischer Absprache bei mir zuhause. Ich kann nur bestätigen, daß man die "Kundschaft" bei entsprechender Wortwahl leicht disziplinieren kann. Wannen und Riesenkörbe voll (teilweise Matsch) werden nur einmal vorgelegt. Danach läuft es in normalen Bahnen und mancher Pilz bleibt da, wo er eigentlich hingehört, nämlich in der Natur.
Im übrigen habe ich beim Lesen Eurer Beiträge herzhaft gelacht. Ich kann die Situationen voll nachvollziehen.

Herzliche Grüße
Piwo

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Re: Alptraum eines Pilzkontrolleurs

Thomas Pruß, (vor 8428 Tagen) @ Harald Andres Schmid

Auf meinen Fingerspitzen hat mittlerweile sich ein klebriger, zäher, brauner
Belag gebildet, der sich kaum wegwischen lässt, und bewirkt, dass meine
Fingerspitzen langsam taub und gefühllos werden.

Moin Harald,
oh, oh, hoffentlich macht das keine Spätschäden, und du musst von Klavier auf Schlagzeug umsatteln ;-)
(ich muss erst mal wieder meinen Daumen aufbauen, nachdem ich mir da mit dem Dolch so übel reingehackt habe – mit Keyboard spielen is’ da nix…)
Ich habe mich jedenfalls weggeschmissen vor Lachen als ich deinen Bericht las…
Schönes Wochenende
Thomas