Fliegenpilz: giftig und lecker

bobobär, (vor 8396 Tagen)

Hallo!

Ich habe gerade die angeregte Diskussion über A.muscaria gelesen - und kürzlich auf einer Waldparty ebenfalls einen Versuch mit diesem Pilz unternommen.
Da mir Freunde sagten, dass Trockenpilz nicht so gut schmeckt, habe ich mir drei kleine Exemplare gebraten. Blieb nicht viel übrig - schmeckte aber ausgesprochen gut!
Von dem "zwei-Schüssel-Effekt" blieb ich völlig verschont, als Nebenwirkung hatte ich nur einen leicht metallischen Geschmack auf der zunge, als die Wirkung einsetzte (ähnlich wie roherer Hallimasch schmeckt, aber viel schwächer). Ansonsten fiel ich nicht, wie sonstige Anwesende erwarteten, ins Koma, sondern war überraschenderweise eher nüchterner als die, die allein dem Alkohol vertrauten. Auch am nächsten Tag kein Kater o.Ä . . .

Hatte ich nur großes Glück oder ist der Fliegenpilz wirklich so "ungiftig"?

Was Giftigkeit eigentlich ist, wäre auch eine Diskussion wert. Medizinisch würde ICH als bestes Maß die Spanne zwischen spürbar wirksamer Dosis und der potentiell tödlichen wählen.
Da vermute ich, dass A.muscaria nicht so giftig ist wie z.B. Alkohol (Spanne ca. 1:10, nimmt man mal 0.5 Promille als Grundmaß). Für Psilos liegt die Relation irgendwo um 1:500-1000, weshalb man diese, so betrachtet, kaum als giftig bezeichnen könnte, ABER:
Wenn jemand mal das hundertfache der "empfehlenswerten" Menge Psilos isst . . .
ob der wohl wieder zurückkommt???

Die rein physiologische Betrachtung reicht offenbar nicht, um Giftigkeit zu definieren!

Boris

P.S.: Als Insektenkundler, der ich bin, würde mich auch mal interessieren, ob die Wirkstoffe von A.muscaria, die auf Menschen wirken, auch die für Fliegen relevanten sind?

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individuell verschiedene empfindlichkeit

michel, (vor 8396 Tagen) @ bobobär

hallo,
hierzu mal ein zitat aus einem (älteren) medizinischen werk über vergiftungen:
"Vater (Tessiner) sammeltr am 23.8. Fliegenpilze (Zürich). Die Familie verspeiste diese zum Abendessen. Hierbei soll der Vater fast das ganze Pilzgericht verzehrt haben, die 35j. Mutter nahm nur drei und der Sohn nur einen Suppenlöffel zu sich! Der Vater, der schon wiederholt Fliegenpilze in der Südschweiz genossen hatte und von der Ungiftigkeit dieser Pilze überzeugt war, verspürte überhaupt keine Folgeerscheinungen. Der Sohn und die Mutter erkrankten dagegen ca. eine Stunde nach dem Essen mit Ohrensausen, Schwindel und Brechreiz, dann "sei es ihnen schwarz vor den Augen geworden". Für alle weiteren Erscheinungen bis zum Aufwachen aus ihrem Erregungszustand am nächsten VFormittag besteht eine villkommene retrograde Amnesie. Nach den Angaben des Vaters wurden beide sehr aufgeregt, fingen an zu toben und zu schreien. Klinikeintritt ca. 3 Stunden nach Einnahme der Pilze"

Quelle: Sven Moeschlin, Differentialdiagnose der Vergiftungen, 4. Auflage 1963

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michel, (vor 8396 Tagen) @ michel

villkommene retrograde Amnesie.

natürlich vollkommene, nicht etwa "willkommene" ;-)
und das Werk heisst Klinik und Therapie der Vergiftungen.
ciao,
michel

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Re: Fliegenpilz: giftig und lecker

Rainer Wald, (vor 8396 Tagen) @ bobobär

Hallo!
Ich habe gerade die angeregte Diskussion über A.muscaria gelesen - und
kürzlich auf einer Waldparty ebenfalls einen Versuch mit diesem Pilz
unternommen.
Da mir Freunde sagten, dass Trockenpilz nicht so gut schmeckt, habe ich mir
drei kleine Exemplare gebraten. Blieb nicht viel übrig - schmeckte aber
ausgesprochen gut!
Von dem "zwei-Schüssel-Effekt" blieb ich völlig verschont, als
Nebenwirkung hatte ich nur einen leicht metallischen Geschmack auf der
zunge, als die Wirkung einsetzte (ähnlich wie roherer Hallimasch schmeckt,
aber viel schwächer). Ansonsten fiel ich nicht, wie sonstige Anwesende
erwarteten, ins Koma, sondern war überraschenderweise eher nüchterner als
die, die allein dem Alkohol vertrauten. Auch am nächsten Tag kein Kater
o.Ä . . .
Hatte ich nur großes Glück oder ist der Fliegenpilz wirklich so
"ungiftig"?
Was Giftigkeit eigentlich ist, wäre auch eine Diskussion wert. Medizinisch
würde ICH als bestes Maß die Spanne zwischen spürbar wirksamer Dosis und
der potentiell tödlichen wählen.

Hallo Boris,

giftig sind solche Pilze, die bei ortsüblicher Zubereitung in Mahlzeitmenge keine Gesundheitsstörungen verursachen.
So hab ich´s jedenfalls gelernt.
Viele Grüsse, Rainer.

Da vermute ich, dass A.muscaria nicht so giftig ist wie z.B. Alkohol (Spanne
ca. 1:10, nimmt man mal 0.5 Promille als Grundmaß). Für Psilos liegt die
Relation irgendwo um 1:500-1000, weshalb man diese, so betrachtet, kaum
als giftig bezeichnen könnte, ABER: Wenn jemand mal das hundertfache der
"empfehlenswerten" Menge Psilos isst . . .
ob der wohl wieder zurückkommt???
Die rein physiologische Betrachtung reicht offenbar nicht, um Giftigkeit zu
definieren!
Boris
P.S.: Als Insektenkundler, der ich bin, würde mich auch mal interessieren, ob
die Wirkstoffe von A.muscaria, die auf Menschen wirken, auch die für
Fliegen relevanten sind?

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Re: Fliegenpilz: giftig und lecker

Birgit, (vor 8395 Tagen) @ Rainer Wald

Hallo Rainer und alle Anderen,

giftig sind solche Pilze, die bei ortsüblicher Zubereitung in Mahlzeitmenge
keine Gesundheitsstörungen verursachen.

das Wörtchen "keine" hast du wohl versehentlich geschrieben. Genau die gleiche Definition habe ich unten in der A. muscaria - Diskussion auch geschrieben, scheinbar hats keiner gelesen?

Ich frage mich auch ehrlich, wieso man über die Definition diskutieren muß? Daß Holunderbeeren roh giftig sind (erzeugen Durchfall und Erbrechen), ist schließlich auch anerkannt, da will keiner drumrumreden. Das gleiche gilt für rohe grüne Bohnen, grüne Tomaten und grüne Kartoffeln, alles sicherlich keine tödlich giftigen Gemüse. Giftig MUSS NICHT heißen, daß man dran sterben kann und giftig heißt auch nicht unbedingt, daß 100% der Konsumenten eine negative Wirkung verspüren.
Insofern ist A. muscaria aufgrund seiner potentiell negativen Wirkungen auf die körperliche und auf die psychische Gesundheit sicherlich giftig. Ebenso kann man Psilos als giftig wegen potentieller negativer Auswirkungen auf die psychische Gesundheit ansehen. Bei Psilos eine Dosis zu schlucken, die negative Auswirkungen auf die körperliche Gesundheit hat, ist hingegen nahezu unmöglich.

Liebe Grüße

Birgit

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Re: Fliegenpilz: giftig und lecker

42, (vor 8395 Tagen) @ Birgit

Hallo Birgit,

Giftig MUSS NICHT heißen, daß
man dran sterben kann und giftig heißt auch nicht unbedingt, daß 100% der
Konsumenten eine negative Wirkung verspüren.
Insofern ist A. muscaria aufgrund seiner potentiell negativen Wirkungen auf
die körperliche und auf die psychische Gesundheit sicherlich giftig.
Ebenso kann man Psilos als giftig wegen potentieller negativer
Auswirkungen auf die psychische Gesundheit ansehen.

Müsste dann nicht auf jeder Flasche Hochprozentigen ein entsprechender
Gifthinweis prangen? Evtl. sogar auf Wein- und Bierflaschen? Weil: eine
'potentiell negative Wirkung auf die körperliche und auf die psychische
Gesundheit' ist (bei entsprechender Dosierung natürlich) sicherlich ebenfalls
gegeben, oder? Wobei wir schon wieder bei der 'Dosis' angelangt sind ...

Gruß
Thomas

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Re: Fliegenpilz: giftig und lecker

bobobär, (vor 8395 Tagen) @ 42

Müsste dann nicht auf jeder Flasche Hochprozentigen ein entsprechender
Gifthinweis prangen? Evtl. sogar auf Wein- und Bierflaschen? Weil: eine
'potentiell negative Wirkung auf die körperliche und auf die psychische
Gesundheit' ist (bei entsprechender Dosierung natürlich) sicherlich ebenfalls
gegeben, oder? Wobei wir schon wieder bei der 'Dosis' angelangt sind ...

Hallo Thomas,

diesen Hinweis halte ich auch gelegentlich für angebracht! Wenn ich auch selbst gern was trinke, denke ich, dass die Gefährlichkeit des Alkohols (im Vergleich zu der von anderen Rauschmitteln) von den Meisten als zu gering eingeschätzt wird. Da ja neuerdings auf jeder Zigarettenpackung "Traueranzeigen" prangen, könnte das auch bald Wirklichkeit werden . . .

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Re: Fliegenpilz: giftig und lecker

Anette, (vor 8395 Tagen) @ bobobär

Lieber Boris,

die individuelle Empfindlichkeit mag hinzukommen. Bekannt ist aber von den Fliegenpilzen, daß es sog. chemische Rassen gibt, mit unterschiedlichen Gehalt und Spektrum an psychotropen Inhaltstoffen und daß diese obendrein auch noch je nach Standort und Witterung variiren. Kurz gesagt: du kannst einen ganzen Korb von Fliegenpilzen haben mit der Wirkung von Champignons, und einen einzigen dazwischen, der genug für drei Leute enthält. Anzusehen ist den Pilzen das nicht. Generell scheinen die Pilze in Nordosteuropa stärker zu sein als in unseren Breiten, verlassen kann man sich darauf aber nicht, weshalb sie als Speisepilze wirklich nicht zu empfehlen sind!

Was sonstige Experimente damit angeht, halte ich die aus denselben Gründen für ziemlich riskant.

Zu der angeblichen Wirkung auf Fliegen kann ich nichts sagen, ich würde aber mal vermuten, daß es dieselben Inhaltstoffe sind, die auch bei den Insekten mit den Überträgersubstanzen der Synapsen interferieren.

Gruß, Anette