Die lieben kleinen Braunen (vol. I) *PIC*

pilzmel ⌂, (vor 8039 Tagen)

Hallo Pilzfreunde!
Echt toll: Beste Saison, aber mit Trockenheit, hohen Temperaturen und Wind. Ich kann euch Kahle Kremplinge und Sparrige Schüpplinge vermelden! Und einen einsamen Violettstieligen Rötelritterling, der seit einigen Jahren im Garten erscheint und inzwischen ca. 3m in südwestliche Richtung gewandert ist. Ungefähr 2035 ist er beim Nachbarn angelangt. Ich sage euch dann Bescheid.
Davon mal abgesehen grübele ich über einige der allgemein beliebten Unscheinbaren. Als erste Folge einer sich anbahnenden Endlos-Serie heute Hebeloma.

Nummer 1 vom 10. und 11.10.04, Wiese über Pappelwurzeln. Hut Durchmesser max. 1,5 cm, braun, Mitte dunkler. Jung völlig velumbesponnen, später nur am Rand. Lamellen blaß tonfarben bis hellbraun. Schneiden uneben. Stiel weiß, überfasert. Cheilozystiden m.o.w. büschelig und keulig.

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Nummer 2 (22.10.) auch von Wiese über Pappelwurzeln. Sieht grob betrachtet nicht viel anders aus. Hut erscheint etwas heller. Stiel (bei älteren Expl.) mit faseriger Ringzone. Abwärts bräunlich. Cheilozystiden schlauchförmig und nicht deutlich kopfig.

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Nummer 3 (heute). Etwas (3m) abseits einer 100%-mesophaeum-Stelle, über Pappel- und Süßkirschwurzeln auf nacktem Boden. Hut Durchmesser bis 3 cm, flach gewölbt und oft verbogen, rotbraun mit Velumresten. Stiel 2 cm, gedrungen wirkend, weiß, überfasert, ohne Ringzone. Fleisch nach Anschnitt kaum bräunend. Vergleich mit mesophaeum (in den Startlöchern): Da bräunt der Stiel im unteren Bereich; fast schwarz in der Basis. Zystiden schlauchförmig mit meist recht deutlichem Kopf.

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Und nun verratet mir doch mal schonungslos, was sich in meinem Garten tummelt!
Für jeden Hinweis wie immer sehr dankbar!
Beste Grüße! pm.

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Re: Die lieben kleinen Braunen (vol. I)

Andreas ⌂, (vor 8039 Tagen) @ pilzmel

Hallo Andreas,

Deine Fälblinge könnten durchaus alles H. mesophaeum sein, Nr. 1 ist es jedenfalls mit Sicherheit.

Wichtig bei den beschleierten Fälblingen ist vor allem die Sporenform, -größe und ihre Reaktion auf Melzers. Der "echte" mesophaeum (der mit der dunlen Scheibe, zumindest dein Pilz Nr. 1) ist mikroskopisch an den Sporen zu erkennen, die 1. breitellipsoid und nicht mandelförmig sind (das Sporenende abgerundet, nicht spitz zulaufend), 2. die Sporenlänge unter 10(11) µm bleibt und 3. die Sporen nicht dextrinoid sind. Makroskopisch ist das Bräunen des Stiels ein Artmerkmal, dem allgemein in dieser Gruppe beachtung geschenkt werden muss.

Die Zystiden sind recht vielgestaltig, vor allem was den oberen Teil anbelangt: zylindrisch, keulig bis schwach kopfig. Richtig deutlich kopfig kenne ich allerdings bisher nicht.

Hier mal der Bestimmungsschlüssel aus der Ba.-Wü.-Flora Band 5 für die velumtragenden Fälblinge (Sekt. Indusiatae), großteils nach VESTERHOLT und BON. Leider nimmt's die Tabs wieder nicht mit, so dass das ganze etwas unordentlich aussieht ....
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7. Cortina bei jungen Bcarpien stets vorhanden (wenn zweifelhaft, dann Stielbasis wurzelnd und/oder Sporen kalyptrat), Kaulocystiden nur oberhalb der Velumringzone 8
7* Cortina stets fehlend, Kaulocystiden mindestens bis zur Stielmitte, oft aber bis zur Basis reichend 33
8. Bcarpien sehr klein (Hut 10,5 µm 16
13. Stiel von der Basis her bräunend, Hut meist deutlich zweifarbig, mit brauner Mitte und weißlicher, velumreicher Randzone auf blaß cremefarbenem Grund

19 H. mesophaeum
13* Stiel nicht bräunend, Hut oft +/- einfarbig und Velum weniger stark 14
14. Hut zweifarbig, mit dunkelbrauner Mitte und weißseidigem Rand, mit beständiger faseriger Velumringzone 32 H. strophosum
14* Hut einheitlich gefärbt, kaum Kontrast zwischen Hutrand und –mitte, Velum weniger üppig ausgeprägt 15
15. Hut zumindest jung blaß ockerlich, Stiel meist keulig 7 H. claviceps
15* Hut einheitlich ziegelrötlich, bräunlichrot, Stiel zylindrisch 11 H. fastibile
16. Cheilozystiden kurz, 20-30 x 10-12 µm, Art des Frühjahrs 10 H. dunense
16* Cheilozystiden 35-70 µm lang, außer H. aprile Arten des Herbstes 17
17. Hut 2-5 cm, rötlich-ockerbräunlich (ähnlich Cortinarius hinnuleus), Velum jung deutlich, dann nur noch als wenig auffallende Fasern am Stiel sichtbar (nicht ringartig), kalkholde Art des Frühjahrs in Pioniervegetation 2 H. aprile
17* Hut satter orange-bis rostbraun gefärbt, entweder Hut größer oder Velum beständiger, Arten des Sommer und Herbstes 18
18. Stiel mit deutlicher ringartiger Velumzone, Hut 2-4 cm breit 8 H. collariatum
18* Velum flüchtiger, nicht als Ringzone, Hut 5-8 cm breit 33 H. subcaespitosum
19. Stiel kurz bis deutlich wurzelnd, Cheilocystiden unauffällig: zylindrisch bis fädig (außer bei H. subtestaceum), Trama stets ohne Rettichgeruch, Lamellen stets ohne Tropfen 20
19* Stiel nicht wurzelnd, Cheilocystiden deutlich: keulig, kopfig oder zylindrisch, Geruch zumeist rettichartig, Lamellen mit oder ohne Tropfen 28
20. Perispor ablösend 21
20* Perispor anhaftend 24
21. Sporen zylindrisch, auf nährstoffarmen Sandböden [H. spoliatum]
21* Sporen elliptisch bis mandelförmig, andere Ökologie 22
22. HDS schwach ausgeprägt, kaum 30 µm dick 34 H. syrjense
22* HDS > 50 µm stark 23
23. Stiel biegsam, hohl, kaum wurzelnd, Sporen 10-12(13) x 5,5-7 µm

1 H. anthracophilum
23* Stiel starr, voll, deutlich wurzelnd, Sporen etwas kleiner: 8-11 x 5-6(6,5) µm

3 H. birrus s.l.
24. Stiel mit dem Alter von der Basis aufwärts bräunend 25
24* Stiel +/- unveränderlich 27
25. Hut 6-12(15) cm breit, Sporen breit mandelförmig (Q = 1,6-1,8), Cheilocystiden zylindrisch und ohne Bauchteil, Bcarp. nicht komplett schwarzbraun werdend

27 H. senescens
25* Hut 3-6 cm breit, Sporen schlanker (Q = 1,8-2,2) 26
26. Cheilocystiden flaschenförmig bis kopfig-keulig und mit deutlichem Bauchteil, Bcarp. beim Trocknen schwarzbraun verfärbend 30 H. sordescens
26* Cheilozystiden banal zylindrisch, Bcarp. beim Trocknen nicht komplett schwarzbraun verfärbend 3 H. birrus s.l.
27. Sporen nicht bis kaum dextrinoid, HDS 50 µm stark, Stiel nur wenig gelblichbräunlich verfärbend, Bcarp. robust, dickfleischig 6 H. circinans
28. Robuste Art, Hut 8-12(15) cm breit, Sp. 10-15 x 6,5-8,5 µm 29 H. sinuosum
28* Bcarpien schmächtiger, Sporen nicht größer als 13 x 7,5 µm (selten bis 15 x 7,5 µm bei H. monticola) 29
29. Sporen fein punktiert-warzig, nicht kalyptrat 30
29* Sporen deutlich rauhwarzig, meist kalyptrat 31
30. Velum flüchtig, Sporen 10-13,5 x 6-7,5 µm, Q = 1,6-1,8(1,9) [H. clavulipes]
30* Velum beständig, Sporen (10)11-14(16) x 5,5-6,5 (7) µm, Q = 1,9-2,2

20 H. monticola
31. Hut auffallend lebhaft rotbraun und schmierig-glänzend 37 H. vaccinum
31* Hut stumpf rötlichbraun, nicht glänzend 32
32. Cheilocystiden 35-55 µm lang, +/- zylindrisch oder mit kaum verbreitertem Bauchteil bis 9 µm, Velum schwach entwickelt, Sporen stark dextrinoid 1 H. anthracophilum
32* Cheilocystiden 45-80 µm lang, flaschenförmig, mit deutlichem Bauchteil 8-12 µm breit, Velum reichlich, Sporen schwach dextrinoid 5 H. candidipes

Nicht eingearbeitet, da nicht in Ba.-Wü. nachgewiesen, allerdings zu erwarten, wäre noch Hebeloma atrobrunneum, mit Sporen > 11 µm und dextrinoid, in feuchten Weidengebüschen, wohl vor allem skandinavisch-alpisch verbreitet (und dort häufig)
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beste Grüße,
Andreas

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Danke!!!

pilzmel ⌂, (vor 8038 Tagen) @ Andreas

Hallo Andreas!
Herzlichen Dank! Ich meine damit weiterzukommen, und wenn ich ein paar Winterabende opfere. Na, kein großes Opfer. Pilz 1 und 2 scheinen tatsächlich mesophaeum zu sein, auch wenn mir der Standort irgendwie suspekt ist. Ich habe heute einige Bilderbuch-Exemplare unter einer Kiefer eingesammelt (wie immer mit Millionenpublikum aus öffentlichem Grün) und nochmal verglichen. Pilz drei macht einen anderen Eindruck. Weiß der Kuckuck... Ist aber auch eine arg verquastete Gruppe. Vielleicht sollte ich aufhören, mich nach dem Minizeugs zu bücken.
Beste Grüße! Andreas

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Re: Die lieben kleinen Braunen (vol. I)

Wolfgang P., (vor 8038 Tagen) @ Andreas

Hier mal der Bestimmungsschlüssel aus der Ba.-Wü.-Flora Band 5 für die
velumtragenden Fälblinge (Sekt. Indusiatae), großteils nach VESTERHOLT und
BON.

Ich habe bisher Fälblinge stets stehen lassen mit dem Argument, es gäbe ohnehin keinen brauchbaren Schlüssel oder ein allgemein akzeptiertes Artkonzept. Willst Du mich jetzt mutwillig dieser Ausrede berauben und mich so noch mehr LBMs aussetzen?

...mal im Ernst: ich kenne seit Jahren das Gerücht, das Vesterholt an einer Hebeloma-Monographie arbeitet, habe aber kein Erscheinen einer solchen mitbekommen. Habe ich was verpasst? Wo hat Vesterholt denn die Schlüssel publiziert und was sind Deine Erfahrungen damit?

Grüße,

Wolfgang

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Re: Die lieben kleinen Braunen (vol. I)

Andreas ⌂, (vor 8038 Tagen) @ Wolfgang P.

Ich habe bisher Fälblinge stets stehen lassen mit dem Argument, es gäbe
ohnehin keinen brauchbaren Schlüssel oder ein allgemein akzeptiertes
Artkonzept. Willst Du mich jetzt mutwillig dieser Ausrede berauben und
mich so noch mehr LBMs aussetzen?
...mal im Ernst: ich kenne seit Jahren das Gerücht, das Vesterholt an einer
Hebeloma-Monographie arbeitet, habe aber kein Erscheinen einer solchen
mitbekommen. Habe ich was verpasst? Wo hat Vesterholt denn die Schlüssel
publiziert und was sind Deine Erfahrungen damit?
Grüße,
Wolfgang

Hallo Wolfgang,

es gibt zu Hebeloma einiges an neuerer Literatur, auch mit Schlüsseln, aber nur wenig davon ist offiziell publiziert.
VESTERHOLT schreibt am Band 3 der "Fungi of Northern Europe", der Serie in der bisher Hygrocybe von BOERTMAN und Lactarius von HEILMANN-CLAUSSEN, VERBEKEN & VESTERHOLT erschienen ist. Letztes Jahr teilte er mir aber mit, dass es noch länger dauern wird (klang für mich mehr wie "bin nicht sicher ob das jemals erscheint ...."). Aber nachdem ja nun sogar tatsächlich ein neuer "Moser" rauskommen soll, wird's vielleicht in ein paar Jährchen auch mit Hebeloma was ;-)
Erschienen sind bisher von VESTERHOLT eine Arbeit über die Gruppe der beschleierten Arten (Indusiatae) und eine über die crustuliniforme-Gruppe. Jeweils allerdings nur auf Skandinavien bezogen (aber immerhin mit Dänemark). Ferner gibt es einen provisorischen Gesamtschlüssel, der vor allem Wert auf Dextrinoidität, Wandablösung und Ornamentation der Sporen legt. Man kann recht gut damit arbeiten, aber ich denke es fehlt noch manches was es bei uns eben gibt und dort nicht.
Ferner gibt es die Arbeit von BON aus den "Doc. Myc." von einem der letzten Jahre. Ich habe allerdings die Originalarbeit nicht zur Hand und verwende eine Druckfahne die er mir vorab zur Verfügung gestellt hat. Ich gehe mal davon aus, dass sich außer seinen handschriftlichen Korrekturen nur die Seitenzahlen geändert haben im gedruckten Artikel. Damit arbeite ich ganz gerne, allerdings ist die Findung der richtigen Sektion im Bereich der leucosarx-gruppe nicht so ganz einfach. Er legt mir zuviel Wert auf die Tränen, denen ich kaum eine Bedeutung zumesse.
Die Arbeit von Bon und von VESTERHOLT widersprechen sich in manchen Bereichen, so ist bei BON z.B. H. bryogenes nur im Kleingedruckten erwähnt, aber nicht geschlüsselt. Dafür teilt er die mesophaeum- und strophosum-Gruppe viel weiter auf als VESTERHOLT das macht, aber in diesem Bereich liegt meiner Meinung nach BON auf der "richtigeren" Linie.
An unveröffentlichtem gibt es auch noch einen provisorischen Schlüssel von GRÖGER, den ich über Erhard Ludwig erhalten haben. Da müßtest Du mal den befragen, ob er/ich Dir das schicken kann. Habe ihn noch nicht allzuviel ausprobiert, funktioniert aber auch ganz gut.
Auch von BOEKHOUT existiert eine nicht publizierte Dissertation oder ähnliches.
Ansonsten natürlich jede Menge Einzelbeschreibungen in allen möglichen Zeitschriften, nahezu uferlos.

beste Grüße,
Andreas