Winterpilz *PIC*

Thomas Pruß, (vor 7589 Tagen)

Moin zusammen,
immer wieder schön, wenn man einen persönlichen Erstfund macht. Dies hier ist der Wintertrichterling (Clitocybe brumalis):
[image]
Der Pilz stand in einem laubgefüllten Graben bei uns im Dorf.
Nun meine Frage: In einem Pilzbuch wurde der Wintertrichterling assoziiert mit dem Kaffebraunen Gabeltrichterling (Pseudoclitocybe cyathiformis). Mein "Lieblings- BON(bon) führt ihn als eigene Art, schreibt aber, dass er "in der Literatur uneinheitlich interpretiert" wird. Kann einer der Systematiker dazu genauere Angaben schreiben?
Grüßlis aus einem verscheiten Hamburg
Thomas

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Re: Winterpilz

Markus Wilhelm ⌂, (vor 7589 Tagen) @ Thomas Pruß

Hallo Thomas,

die offensichtliche "Funkstille" zeigt etwas die Beliebtheit dieser Gattung! Es ist eben wirklich so, dass viele Trichterlinge mit dem Prädikat "uneinheitliche Interpretation" ausgezeichnet sind, es ist und bleibt eine sehr schwierige Gattung, vor allem mangels deutlicher Unterschiede vor allem im Mikroskopischen Bereich.
Aber eine Verwechlung mit dem Kaffebraunen Scheintrichterling sollte nicht möglich sein, hat diese Gattung doch amyloide Sporen!

Mit Grüssen, Markus

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C. brumalis

Gerd-A, (vor 7589 Tagen) @ Thomas Pruß

Hallo Thomas,

Mein "Lieblings- BON(bon) führt ihn als eigene Art, schreibt aber,
dass er "in der Literatur uneinheitlich interpretiert" wird.
Kann einer der Systematiker dazu genauere Angaben schreiben?

Vorweg: Bin kein Systematiker und kann auch nicht mit "neuesten Literaturangaben" dienen.

Aber immerhin:

Quelle: Clémençon, H. (1984): Kompendium der Blätterpilze: Clitocybe, Beihefte zur Zmykol 5: S. 1-68

Unter "C. agrestis Harmaja, Karstenia 10:91, 1969" findet man folgenden Hinweis.

Nach Kuyper (1982:37) ist dieser Pilz identisch mit C. brumalis vieler Autoren, sowie mit C. ericetorum sensu Bon, Doc. mycol. 3:37, 1972, mit C. marginella sensu Lamoure, Trav. Sci. Parc Nat. Vanoise 2:142, 1972, mit C. regularis sensu Bigelow & Hesler, J. Elisha Mitchell Sci. Soc. 76:160, 1960, und schliesslich mit C. angustissima sensu Lange, Flora Agaricina Danica tab. 37E, und sensu Bresadola, Icon. mycol. tab. 183.

Und unter dem Kapitel "Ungenügend bekannte oder systematisch unsichere Arten" gibt es noch folgende Information:

C. brumalis (Fr.:Fr.) Kummer, HUT 2-5 cm breit; erst gewölbt mit Nabel, dann trichterig; kahl; feucht ledergelb mit durchscheinend gerieftem Rand, trocken weisslich. LAMELLEN ziemlich gedrängt; starr; erst fast weiss, bald grauend. STIEL 3-5 cm x 3-5 mm; blass graulich; kahl; bald hohl; Basis weissfilzig. FLEISCH weisslich; Geruch schwach, Geschmack leicht bitterlich, seltener fade. Sporen 3,5-4,5 x 2-2,5 mm

Nach Kuyper (1982:37,75,79) ist C. brumalis der meisten Autoren identisch mit C. agrestis Harmaja oder mit C. marginella Harmaja; und der Name C. brumalis, sollte vermieden werden, da er nicht eindeutig festgelegt werden kann.

Grüße
Gerd

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Re: Winterpilz

Andreas ⌂, (vor 7589 Tagen) @ Thomas Pruß

Moin zusammen,
immer wieder schön, wenn man einen persönlichen Erstfund macht. Dies hier ist
der Wintertrichterling (Clitocybe brumalis):
Der Pilz stand in einem laubgefüllten Graben bei uns im Dorf.
Nun meine Frage: In einem Pilzbuch wurde der Wintertrichterling assoziiert
mit dem Kaffebraunen Gabeltrichterling (Pseudoclitocybe cyathiformis).
Mein "Lieblings- BON(bon) führt ihn als eigene Art, schreibt aber,
dass er "in der Literatur uneinheitlich interpretiert" wird.
Kann einer der Systematiker dazu genauere Angaben schreiben?
Grüßlis aus einem verscheiten Hamburg
Thomas

Hallo Thomas,

im Wesentlichen hat ja Gerd schon das meiste dazu gesagt, und vor allem auch das wichtigste: Die Art wird uneinheitlich interpretiert.

In der Ba.-Wü.-Flora bin ich im Wesentlichen KUYPER gefolgt und habe die Auffassung von Clemencon nur teilweise übernommen. Clemencon geht von einer hellhütigen Art aus und synonymisiert mit Clitocybe agrestis, graminicola, angustissima und marginella (siehe Beitrag von Gerd). Bei den ersten drei Arten stimme ich einer Synonymie untereinander zu, aber C. marginella ist etwas anderes und meiner Meinung nach hat KUYPER recht, wenn er brumalis zu marginella zieht. Jedenfalls ist die hell fleischbräunliche, lederfarbene bis weiße Art C. agrestis/angustissima/graminicola ein Wiesenbewohner und vor allem die weißen Formen sind absolute Doppelgänger zu Hygrocybe nivea. C. marginella/brumalis dagegen ist ein lehm- bis gelbbräunlicher Pilz mit etwas (grau-)cremebräunlichen Lamellen (gehört in die Untergattung Pseudolyophyllum!) und kommt in Au- und sonstigen Laubwäldern vor, auch in Fichtenforsten. jedenfalls kein Wiesenpilz!

Hier mein Text aus der Ba.-Wü.-Flora, vielleicht interessiert es:
__________________

12.28 Clitocybe marginella Harmaja 1969
inkl. Clitocybe brumalis (Fries) Quélet 1872
Hellrandiger Trichterling

Morphologie: Hut 2-6 cm Æ, flach bis leicht vertieft, erst später trichterförmig, in der Mitte gelb- bis rötlichbraun, Rand deutlich heller, isabell- bis lederfarben, blaß beigebräunlich, jung mit weiß bereift, feucht gerieft. Lamellen hell cremefarben, bisweilen etwas rosafarben getönt, herablaufend, gedrängt. Stiel 2,5-7 x 0,2-0,6 cm, dem Hut fast gleichfarben, in jungen Stadien deutlich heller, zylindrisch, basal etwas verbreitert und mit weißem Filz behaftet, dort oft abgeknickt und ausspitzend. Trama lederblass, mit leicht süßlichem Geruch, manchmal mehr erdig (nach Kuyper in Bas et al. 1995). Sporenpulver creme- bis blaß lachsfarben Sporen 4,5-6 x 2,5-3,5 µm, in Exsikkaten meist zu Tetraden verklebt.

Variabilität: Bei C. brumalis handelt es sich um eine verschieden interpretierte Art, die als nicht deutbar angesehen werden kann (z.B. KUYPER in ARNOLDS et al. 1995). So ist sie in manchen Beschreibungen geruchlos und dunkelhütig, in anderen dagegen schwach mehlartig und mit auch feucht nur lederblaßem Hut. Bei den meisten Fundmeldungen dürfte es sich um C. marginella Harmaja handeln. Es liegen jedoch mehrere Funde vor, die nicht ohne weiteres zu C. marginella gezogen werden können und daher auch nicht ökologisch ausgewertet wurden.

Ökologie: Im Eschen-Schwarzerlenauwald (2) und Waldmeister-Buchenwald (1), auch in Fichtenforsten (3), in der Streu von Fagus, Alnus, Picea und Pinus. Die Art scheint nur auf alkalischen bis neutralen Böden vorzukommen. Die wenigen ökologischen Daten reichen für eine konkrete Aussage nicht aus.
Phänologie: Spätherbst und Winter. Der Fund vom Juli erscheint fraglich.
Jan Feb Mar Apr Mai Jun Jul Aug Sep Okt Nov Dez
2 1 - - - - 1? - - 1 5 3

Verbreitung in Baden-Württemberg: Wenige weit gestreute Fundorte in verschiedenen Gebietsteilen. Das zusammenhanglose Verbreitungsbild dürfte auf ungleichmäßige Kartierung zurückzuführen sein. - Oberrhein: 5 Standorte im Bereich zwischen Karlsruhe und Heidelberg. - Schwarzwald: 7714/2, Fischerbach, ca. 280 m NN, 05.11.1930, MAY. - Gäulandschaften: 6620/2, Mosbach-Diedesheim, Waldmeister-Buchenwald, Picea abies, 270 m NN, 28.07.1996, SENK. - Keuper-Lias-Land: 6 Standorte im Schwäbisch-Fränkischer Wald; ein weiterer im Schönbuch (7520/1, Steinlachwasen, 28.12.1989, KAUTT). - Schwäbische Alb: 7325/22, Söhnstetten, Stöckelberg, um 1990, AMO. - Südwestdeutsches Voralpenland: 8121/1, Götzenfurt, Pinus sylvestris, auf lehmigem Boden, 610 m NN, 1994, BEGENAT. - 8121/2, Grauwald-Hohenreute, Pinus sylvestris, 1995, BEGENAT. - 8325/1, Deuchelried, Picea abies, 620 m NN, 03.12.1988, FINKENZELLER. - 8326/1, Isny, Waldbad, Nadelbäume, 710 m NN, 24.10.1981, FINKENZELLER.

Vertikale Verbreitung: Planare bis untere montane Stufe. Oberhalb von 700 m NN nicht nachgewiesen.

90-200 201-400 401-600 601-800 801-1000 >1000

5 4 5 5 - -
Tiefstes Vorkommen bei Graben-Neudorf im „Erlich“ (6816/2) auf 90 m NN, höchster Fundpunkt bei Isny am Waldbad (8326/1) auf 710 m NN.

Bestand und Bedrohung: Eine wenig bekannte Art, die wohl des öfteren fehl- oder gar nicht bestimmt wird. Da der tatsächliche Bestand unbekannt ist, kann auch keine Gefährdungskategorie angegeben werden.

Erstnachweis: Mittlerer Schwarzwald, Fischerbach a.d. Kinzig, 05.11.1930, MAY, Fundtagebuch.

Allgemeine Verbreitung: Vermutlich meridional bis boreal. Sichere Nachweise liegen aus Süd- (Italien), West- (Frankreich, Niederlande), Mittel- (Österreich, Deutschland) und Nordeuropa (Schweden und Finnland) vor. Die wenigen deutschen Vorkommen sind weit gestreut.
__________________

beste Grüße,
Andreas

P.S.: Gute Gelegenheit mal wieder zu erwähnen: Diese Darstellung ist natürlich kein FAKT, sondern MEINE PERSÖNLICHE MEINUNG dazu, die ich mir immer aufgrund verschiedener Literatur, Diskussionen mit anderen und optimalerweise Eigenfunden gebildet habe. Keiner muss ihr folgen und natürlich kann jeder eine andere Ansicht haben. Nur durch die Diskussion verschiedener Ansichten kann die eigene Ansicht gefestigt werden! Darum bitte NIE so eine Darstellung als die Bibel schlechthin betrachten, wie ich leider auch schon erlebt habe, sondern kritisch überprüfen und gerne auch hinterfragen.

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Re: Winterpilz

Gerd-A, (vor 7589 Tagen) @ Andreas

Danke Andreas,

du hast mir einige Arbeit abgenommen, denn als nächstes hätte ich recherchiert, was der BW-Atlas (2001), Bd. 3 zu bieten hat.

Zitat:
"im Wesentlichen hat ja Gerd schon das meiste dazu gesagt, und vor allem auch das wichtigste: Die Art wird uneinheitlich interpretiert.
In der Ba.-Wü.-Flora bin ich im Wesentlichen KUYPER gefolgt und habe die Auffassung von Clemencon nur teilweise übernommen. Clemencon geht von einer hellhütigen Art aus und synonymisiert mit Clitocybe agrestis, graminicola, angustissima und marginella (siehe Beitrag von Gerd). Bei den ersten drei Arten stimme ich einer Synonymie untereinander zu, aber C. marginella ist etwas anderes und meiner Meinung nach hat KUYPER recht, wenn er brumalis zu marginella zieht. Jedenfalls ist die hell fleischbräunliche, lederfarbene bis weiße Art C. agrestis/angustissima/graminicola ein Wiesenbewohner und vor allem die weißen Formen sind absolute Doppelgänger zu Hygrocybe nivea. C. marginella/brumalis dagegen ist ein lehm- bis gelbbräunlicher Pilz mit etwas (grau-)cremebräunlichen Lamellen (gehört in die Untergattung Pseudolyophyllum!) und kommt in Au- und sonstigen Laubwäldern vor, auch in Fichtenforsten. jedenfalls kein Wiesenpilz!"

- Ich habe ja nur (ohne eigene Beobachtung/Bewertung) die erstbeste Literaturstelle, die mir einfiel zitiert. Und dies auch nur, um die Diskussion anzukurbeln.
------------------

- Und jetzt, habe einmal im Abb.-Verzeichnis (2002) geblättert, war ich doch überrascht, dass wohl neben C. brumalis auch C. marginella von den Autoren unterschiedlich bewertet wird und ohne vollständiges Autorenzitat (und Originalbeschreibung) kaum zu beurteilen ist. Deshalb als Ergänzung, welchen Standpunkt das Abb.-Verzeichnis (da ist Andreas Mitautor) zu bieten hat:
(1) Dort werden C. agrestis Harmaja, C. graminicola Bon, C. augustissima ss. Bresadola, Lange, C. marginella ss. Lamoure als Synonyme behandelt.
(2) Bei C. brumalis findet man folgende Angaben:
- C. brumalis (Fr.:Fr.)Quélet ---> Eine eigenständige Art
- C. brumalis ss. auct. ---> agrestris oder marginella
- C. brumalis ss. Bresadola ---> phaeophthalma
(3) Bei C. marginella findet man folgende Angaben:
- C. marginella Harmaja ---> eigenständige Art
- C. marginella ss. Lamoure ---> agrestris
-------------------

Ich habe die von Clémencon zitierten Autoren (dazu interessiert mich dieser Komplex zu wenig) nicht überprüft und nur einmal den von Dir zitierten BW-Atlas (2001), BD. 3 angeschaut:

- C. agrestris Harmaja s.l. = C. angustissima (Lasch) Kummer ss. auct. plur. (inkl. C. gramminicola Bon) Wiesentrichterling

- C. marginella Harmaja = C. brumalis (Fries) Quélet Hellrandiger Trichterling

- C. phaeophthalma (Persoon) Kuyper = C. hydrogramma (Buillard) Kummer = C. gallinacea s. Kühner = C. brumalis ss. Bresadola Ranziger Trichterling

===> Ich bin einfach zu faul jetzt alle Autorenzitate von Clémoncon, BW-Atlas und Abb.-Verzeichnis zu vergleichen. Festzustellen ist jedoch, dass auch der BW-Atlas C. brumalis nur als Synonym für C. marginella Harmaja bzw. als Synonym für C. phaeophthalma führt und damit Cleméncon folgt, der C. brumalis als "unsichere" (nicht eindeutig festlegbare) Art führt und vorschlägt C. brumalis zu vermeiden.
----------------------

Zitat:
"P.S.: Gute Gelegenheit mal wieder zu erwähnen: Diese Darstellung ist natürlich kein FAKT, sondern MEINE PERSÖNLICHE MEINUNG dazu, die ich mir immer aufgrund verschiedener Literatur, Diskussionen mit anderen und optimalerweise Eigenfunden gebildet habe. Keiner muss ihr folgen und natürlich kann jeder eine andere Ansicht haben. Nur durch die Diskussion verschiedener Ansichten kann die eigene Ansicht gefestigt werden! Darum bitte NIE so eine Darstellung als die Bibel schlechthin betrachten, wie ich leider auch schon erlebt habe, sondern kritisch überprüfen und gerne auch hinterfragen."

- Auch wenn ich diese Sippen nicht beurteilen kann: Deine Hinweise auf "unterschiedliche Substrate" überzeugen mich mehr als irgendwelche "Farbabweichungen".

Grüße
Gerd

PS.:
- Leider gibt es keine ernstzunehmende neuere "Clitocybe-Monografien"!!!
- Immerhin unter ID 5049 bekam ich bei der Recherche in meiner Artikelliste einen Treffer:

Aber, diese neueste Monografie (!?) "Raithelhuber, J.H. (2004): Mitteleuropäische Trichterlinge. Gattungen Clitocybe, Pseudolyophyllum und Paralepista. Außenseiter Verlag, Stuttgart" kann man wohl gleich entsorgen:

Ich zitiere einmal eine diesbezügliche Buchbesprechung von "Reil, P. (2005), Südwestdeutsche Pilzrundschau (Stuttgart), 41(2): S. 63 - 64, kann mir dabei Einzelheiten ersparen und bringe deshalb nur den letzten Satz:
"Es kommt selten bei mir vor, aber ich überlege mir diesmal ernsthaft, ob ich von meinem Recht auf Rückgabe Gebrauch mache."

---> Das EINZIG POSITIVE, was ich dieser Buchbesprechung entnehmen konnte (das Buch kostet übrigens EUR 56,--): "besticht wohl nur über sein gelungenes Äußeres in Form eines sauberen Leineneinbandes mit Golddruck !"

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Re: Winterpilz

Andreas ⌂, (vor 7588 Tagen) @ Gerd-A

Hallo Gerd (und natürlich auch die anderen Forumsteilnehmer, die diesen Thread mit Spannung verfolgen ... *gg*)

- Ich habe ja nur (ohne eigene Beobachtung/Bewertung) die erstbeste
Literaturstelle, die mir einfiel zitiert. Und dies auch nur, um die
Diskussion anzukurbeln.

War ja auch in keinster Weise als Kritik an Dir gedacht, sondern als Ergänzung bzw. als Erklärung warum ich das in der Ba.-Wü.-Flora so und nicht anders gemacht hab.

- Und jetzt, habe einmal im Abb.-Verzeichnis (2002) geblättert, war ich doch
überrascht, dass wohl neben C. brumalis auch C. marginella von den Autoren
unterschiedlich bewertet wird und ohne vollständiges Autorenzitat (und
Originalbeschreibung) kaum zu beurteilen ist. Deshalb als Ergänzung,
welchen Standpunkt das Abb.-Verzeichnis (da ist Andreas Mitautor) zu
bieten hat: (1) Dort werden C. agrestis Harmaja, C. graminicola Bon, C.
augustissima ss. Bresadola, Lange, C. marginella ss. Lamoure als Synonyme
behandelt.

Leider ist bei sehr vielen Trichterlingen nicht das Autorenzitat das wichtigste, sondern in wessen Sinne der Name verwendet wird ("ss. Lamoure", "ss. Harmaja" etc.).
Bei der obigen Aufzählung ist vor allem der Zusatz "ss. Lamoure" bei C. marginella wichtig, denn nur in dieser Interpretation ist C. marginella als Synonym zu agrestis s.l. zu bewerten (natürlich auch im Sinne derjenigen Autoren, die Lamoure's Interpretation gefolgt sind).

(2) Bei C. brumalis findet man folgende Angaben: - C. brumalis
(Fr.:Fr.)Quélet ---> Eine eigenständige Art
- C. brumalis ss. auct. ---> agrestris oder marginella
- C. brumalis ss. Bresadola ---> phaeophthalma

Da verwundert vielleicht etwas, dass wir brumalis als eigenständiges Taxon führen. Aber das seinen grund zum einen darin, dass es Autoren gibt, die das eben so sehen (BON, RAITHELHUBER), zum anderen weil ich im Zweifelsfall immer versucht habe, die anderen zu überzeugen, lieber mehr Taxa aufzulisten, denn dann können wir erstens mehr Bilder zitieren und haben zweitens nicht das Problem, dass wir nach Erscheinen einer neueren Monographie wieder alle möglichen vorher zusammengeschmissenen Bilder aussortieren und auf nun vielleicht doch getrennten Taxa verteilen müssen. Zusammenschmeissen kann jeder für sich selber, wenn er der Meinung ist.

(3) Bei C. marginella findet man folgende Angaben: - C. marginella Harmaja
---> eigenständige Art
- C. marginella ss. Lamoure ---> agrestris

Paßt.

-------------------
Ich habe die von Clémencon zitierten Autoren (dazu interessiert mich dieser
Komplex zu wenig) nicht überprüft und nur einmal den von Dir zitierten
BW-Atlas (2001), BD. 3 angeschaut: - C. agrestris Harmaja s.l. = C.
angustissima (Lasch) Kummer ss. auct. plur. (inkl. C. gramminicola Bon)
Wiesentrichterling

Ja. Ich hätte theoretisch noch "C. brumalis ss. Lamoure, non auct. plur." oder sowas ergänzen können. Aber irgendwo muss man ja auch mal Schluss mit der Auflistung von Synoymen und Interpretationen machen, sonst artet das aus. Die Flora ist ja eine Flora und keine Monographie. Ich habe normalerweise diejenigen Synonyme bzw. Interpretationen aufgeführt für die mir unter diesen Namen Fundmeldungen vorlagen. In diesem Fall waren keine Funde als "brumalis ss. Lamoure" gemeldet worden, daher habe ich mir's gespart.

- C. marginella Harmaja = C. brumalis (Fries) Quélet Hellrandiger
Trichterling

Kleine, aber feine Korrektur: - C. marginella Harmaja (inkl. C. brumalis (Fries) Quélet
ich wollte mich da nicht festlegen, wie die beiden Taxa zueinander zu beurteilen sind. Die BW-Fundmeldungen von C. brumalis jedoch sind zumindest zum allergrößten Teil C. marginella gewesen, selbst wenn man die Unterschiede der beiden Taxa bei BON berücksichtigt. Daher mußte ich also unabhängig von jedwelcher taxonomischen Entscheidung eh die BW-Funde von brumalis zu marginella ziehen.

Solche Fälle gibt es öfter, auch in anderen Gattungen.

- C. phaeophthalma (Persoon) Kuyper = C. hydrogramma (Buillard) Kummer = C.
gallinacea s. Kühner = C. brumalis ss. Bresadola Ranziger Trichterling
===> Ich bin einfach zu faul jetzt alle Autorenzitate von Clémoncon,
BW-Atlas und Abb.-Verzeichnis zu vergleichen. Festzustellen ist jedoch,
dass auch der BW-Atlas C. brumalis nur als Synonym für C. marginella
Harmaja bzw. als Synonym für C. phaeophthalma führt und damit Cleméncon
folgt, der C. brumalis als "unsichere" (nicht eindeutig
festlegbare) Art führt und vorschlägt C. brumalis zu vermeiden.

Jein, siehe Ausführung oben. Ich habe mich im BW-Atlas weder explizit gegen, noch explizit für eine Eigenständigkeit von brumalis ausgesprochen.

----------------------
Zitat: "P.S.: Gute Gelegenheit mal wieder zu erwähnen: Diese Darstellung
ist natürlich kein FAKT, sondern MEINE PERSÖNLICHE MEINUNG dazu, die ich
mir immer aufgrund verschiedener Literatur, Diskussionen mit anderen und
optimalerweise Eigenfunden gebildet habe. Keiner muss ihr folgen und
natürlich kann jeder eine andere Ansicht haben. Nur durch die Diskussion
verschiedener Ansichten kann die eigene Ansicht gefestigt werden! Darum
bitte NIE so eine Darstellung als die Bibel schlechthin betrachten, wie
ich leider auch schon erlebt habe, sondern kritisch überprüfen und gerne
auch hinterfragen."
- Auch wenn ich diese Sippen nicht beurteilen kann: Deine Hinweise auf
"unterschiedliche Substrate" überzeugen mich mehr als
irgendwelche "Farbabweichungen".

Ja, das sehe ich auch so. Aber wenn zu einer doch deutlich unterschiedlichen Ökologie dazuhin noch Farbunterschiede erkennbar sind, dann gewinnt das ganze doch an Gewicht. - Man kann natürlich auch argumenten, dass unterschiedliche Standorte auch eine unterschiedliche Färbung bedingen könnte ....

Grüße
Gerd
PS.: - Leider gibt es keine ernstzunehmende neuere
"Clitocybe-Monografien"!!!
- Immerhin unter ID 5049 bekam ich bei der Recherche in meiner Artikelliste
einen Treffer: Aber, diese neueste Monografie (!?) "Raithelhuber,
J.H. (2004): Mitteleuropäische Trichterlinge. Gattungen Clitocybe,
Pseudolyophyllum und Paralepista. Außenseiter Verlag, Stuttgart" kann
man wohl gleich entsorgen: Ich zitiere einmal eine diesbezügliche
Buchbesprechung von "Reil, P. (2005), Südwestdeutsche Pilzrundschau
(Stuttgart), 41(2): S. 63 - 64, kann mir dabei Einzelheiten ersparen und
bringe deshalb nur den letzten Satz: "Es kommt selten bei mir vor,
aber ich überlege mir diesmal ernsthaft, ob ich von meinem Recht auf
Rückgabe Gebrauch mache."
---> Das EINZIG POSITIVE, was ich dieser Buchbesprechung entnehmen konnte
(das Buch kostet übrigens EUR 56,--): "besticht wohl nur über sein
gelungenes Äußeres in Form eines sauberen Leineneinbandes mit Golddruck
!"

Nun ja, das Dumme ist nur, wer sich taxonomisch mit der Gattung auseinandersetzen will, muss dieses Werk leider berücksichtigen und auch morphologisch arbeitende Mykologen können es schlecht einfach übergehen. Aber ob es der Kenntnis der Gattung Clitocybe wirklich einen Schub nach vorne gibt, möchte ich anzweifeln. Otto Normalverbraucher, sprich wir Hobbymykologen könnten mit den 56 Euro sicherlich sinnvolleres an mykologischer Literatur einkaufen.

beste Grüße,
Andreas

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Re: Winterpilz

Gerd-A, (vor 7589 Tagen) @ Thomas Pruß

Hallo Thomas,

Zitat:
"In einem Pilzbuch wurde der Wintertrichterling assoziiert mit dem Kaffebraunen Gabeltrichterling (Pseudoclitocybe cyathiformis)."

- Auch wenn ich keine Ahnung von Trichterlingen habe. Außer, dass P. cyathiformis noch recht spät im Jahr zu finden ist, kann ich nach deinem Bild absolut keine Merkmale finden, die mich an diese Art erinnern.

Frage: In welchem Pilzbuch werden beide Arten assoziert?

Grüße
Gerd

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Re: Winterpilz – ich danke!

Thomas Pruß, (vor 7588 Tagen) @ Thomas Pruß

Moin zusammen,
ich möchte allen danken, die sich an dieser Diskussion beteiligt haben.
@ Markus: Nee, verwechseln kann man den Wintertrichterling nicht mit dem Kaffeebraunen Gabeltrichterling, obwohl mir der Kaffeebraune beim ersten Blick sofort durch den Kopf ging.
@ Andreas: Ich habe deine sehr ausführliche Antwort gespeichert. Da ich ja hin und wieder auch Vorträge über Pilze halte, werde ich den Wintertrichterling mal als „Aufhänger“ nehmen, um darzustellen, wieviel Arbeit es bei der Pilzsystematik noch gibt. In dem kleinen Büchlein über die Pilze in Nordfriesland, an dem ich arbeite, würde ich dich gerne zitieren.
@ Gerd: Ich hoffe, ich habe dir mit dem Pilz nicht die Nachtruhe geraubt, wenn ich sehe, wann du deine Postings abgeschickt hast… ;-)
Auch deine Recherchen möchte ich gerne zitieren.

Noch etwas zu dem genaueren Standort der Wintertrichterlings:
Die Pilze wuchsen, wie schon geschrieben, in einem laubbedeckten Graben entlang eines Walls auf dem Buchen und Eichen stehen. Der Boden ist Geestboden, also sandig mit einer Humusschicht. Der Graben ist trocken und führt nur bei sehr starken Niederschlägen oder nach der Schneeschmelze Wasser, das aber schnell versickert. Eigentlich dient er nur dazu, das Wasser aufzunehmen, das vom Feldweg kommt, damit es nicht auf die Straße fließt, in die der Weg mündet. Übers Jahr teilt sich der Wintertrichterling den Standort mit Nebelkappen, Violetten Rötelritterlingen, Rotfußröhrlingen, und Fuchsigen Trichterlingen. Gelegentlich fruktifiziert dort am Wall auch der Steinpilz und ganz selten mal der Pfifferling.

Grüßlis
Thomas