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Re: Artstatus von Amanita regalis

Svampskogen, (vor 5018 Tagen) 737 Beiträge @ Jesko

Hallo Jesko

Vielen Dank wieder einmal für deine Ausführungen :-)
Also du denkst, dass man durch das Einbeziehen von mehr Kollektionen aus Europa und Asien auch hier eventuell eine grössere Diversität finden würde. Das ist wohl sehr gut möglich. Leider habe ich Ola et al. (2004) nicht angeschaut und weiss nicht wie viele Europa-/Asienkollektionen dort bereits miteinbezogen wurden. Interessant ist die Beringian Entstehungshypothese aber allemal!
3 regalis-Kollektionen stehen ja eben anstatt in Clade III in anderen Clades, es wäre interessant Bilder davon zu sehen. Schade sind wie meistens in solchen Studien keine dabei, da müsste man die Autoren wohl direkt anfragen.
Hab übrigens noch erfahren, dass es noch einen J. Geml et al. (2008) "Evidence for strong inter- and intracontinental phylogeographic structure in Amanita muscaria, a wind-dispersed ectomycorrhizal basidiomycete" gibt ;-)

Beste Grüsse Svampskogen

Ich habe in den Artikel von Geml & al. 2006 mal hineingeschaut. Zunächst
muss man mal sagen, dass hier Sequenzen von weniger als 50 Kollektionen
ausgewertet wurden, was mir bei einem weltweit verbreiteten Artenkomplex
vor dem Hintergrund der Frage nach der Ursprungsheimat dieses Komplexes
ehrlich gesagt sehr dürftig erscheint. Für Europa etwa wurden nur als A.
muscaria ss. str. bestimmtes Material aus Surrey (UK) und von der
polnischen Ostseeküste und ein paar A.-regalis-Kollektionen aus Norwegen
aus einer früheren Studie mit herangezogen.
Was die Frage nach der ursprünglichen Heimat des Fliegenpilzes angeht, also
praktisch wo die heute existierenden Fliegenpilzarten sich entwickelt und
von wo aus sie sich dann ausgebreitet haben (Ausgangshypothese
"Beringia", also nordwestliches Nordamerika und nordöstliches
Eurasien), so wurden sicherlich ausgeklügelte Rechenverfahren und Modelle
angewendet. Ich würde mich aber fragen, ob man überhaupt eine zuverlässige
Antwort erhalten kann, wenn man die in Frage kommenden Gebiete so
unterschiedlich intensiv "beprobt". D.h., wenn über 1/3 des
wenigen untersuchten Materials aus Alaska stammt, wundert es mich wenig,
wenn man dann dort die größte molekulare Vielfalt vorfindet. Etwa aus
Europa hat man nach den molekularen Ergebnissen nur zwei Sippen, einmal 3
A. regalis aus Norwegen, das andere Mal 5 A. muscaria aus der nemoralen
Zone. Schon da müsste man weniger punktuell sammeln, sondern gezielt
versuchen, Diversität zu erfassen. Zudem gäbe es da ja noch A.
pseudoregalis, dann die komischen Teile, die in südeuropäischen
Eukalyptus-Pflanzungen gefunden werden (A. heterochroma etc.), oder die
sog. A. muscaria var. inzengae, die wohl ausschließlich bei Zistrose
vorkommt und sicherlich auch etwas eigenes, vermutlich im Artrang, ist.
Für andere Gebiete der nördlichen Hemisphäre gilt sicherlich Ähnliches.
Ich denke, hier ist noch eine Menge an relevanter Information für die
phylogeographische Rekonstruktion unberücksichtigt geblieben, mit der sich
das Bild auch noch ändern könnte.
Um zur Ausgangsfrage des Threads zurückzukehren, zum Rang von Amanita
regalis: Nach (nach meiner Kenntnis) letztem morphotaxonomischen Stand
wird A. regalis auf Artebene gegen A. muscaria abgetrennt. Letzterer wird
eine Reihe von Varietäten und Formen zugesprochen. Persönlich denke ich,
dass diese zum Teil wohl taxonomisch irrelevant sind (z.B. flavivolvata
mit gelben Flocken), zum anderen jedoch gute Arten sein könnten (var.
inzengae bei Zistrose mit anderer Stielbekleidung).
Die molekularen Analysen in Geml & al. 2006, die in Bezug auf die
europäischen Kollektionen eigentlich nur das bereits von Oda & al.
2004 veröffentlichte Ergebnis wiederholen, zeigen einerseits alle
europäischen (norwegischen) regalis-Kollektionen zusammen in "Clade
III" ("Eurasian-subalpine group" in Oda & al.) und
andererseits alle europäischen muscaria-Kollektionen zusammen in
"Clade II" (Teil der "Eurasian Group" in Oda &
al.). Dies allein würde zunächst die Trennung von muscaria und regalis auf
Artebene bestätigen, denn die einzelnen "Clades" (Kladoi) werden
hier als Phylo-Arten angesprochen.
Zusammen mit den europäischen regalis steht ein Teil der regalis aus Alaska,
und das ist in Ordnung. Gleich dabei stehen jedoch auch drei japanische
Kollektionen, die wegen ihrer roten Hüte und weißen Velumflocken als
muscaria bestimmt wurden (vgl. Oda & al. 2004:894). Ein
Interpretationsfenster würde sich aufgrund dessen öffnen, dass die drei
japanischen muscaria innerhalb von Klados III etwas abgesetzt stehen und
möglicherweise einen Subklados, also ein anderes Taxon, bilden.
Der Klados II, der die europäischen muscaria umfasst, enthält auch
weißhütige, gelbhütige und braunhütige Formen ("alba",
"formosa" und "regalis") aus Alaska. Die zwei
braunhütigen Formen wären aber wieder etwas abgesetzt und könnten ein
eigenes Taxon darstellen.
Kurzum: Da besteht noch Forschungsbedarf, sowohl phylogeographisch als auch
taxonomisch. Vorerst sollten wir meiner Meinung nach auch im Lichte dieser
Studie an Amanita regalis auf Artebene festhalten - diese Auffassung wird
durch die bisherigen Ergebnisse zumindest für Europa sogar eher
unterstützt, aber es ist noch viel zu wenig Material sequenziert worden.

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