Re: Haben mal nachgefragt...

pilzliebhaber, (vor 6261 Tagen) @ HoBi

...hier die Antwort: Sehr geehrte...
das Forstamt Liebenburg hat in der Revierförsterei Nettetal in den
Betreuungsforsten in Sillium, Holle, Hackenstedt und Sottrum auf 370
Hektar ca. 1200 Tonnen kohlensauren Kalk ausgebracht. Wirkstoffe in dem
ausgebrachten Kalk sind Calcium und Magnesium.
Die gekalkten Flächen bedurften der Kalkung in unterschiedlichem Maß. Nachdem
die gesamte Waldfläche in Niedersachsen in den letzten 15 Jahren
mindestens einmal gegen die Versauerung gekalkt wurde, werden jetzt
laufend kleinere Flächen in größerem Zeitabstand wiederholt. Bei der
Wiederholungskalkung folgen wir seit einigen Jahren einer Prioritätenliste
der Nordwestdeutschen Forstlichen Versuchsanstalt in Göttingen.
Es werden nicht nur extrem arme und saure Standorte gekalkt, sondern alle
Böden, die dies zur Erhaltung der Bodenfruchtbarkeit, besonders auch im
Oberboden brauchen. Glücklicherweise gehören die Standorte in der Rfö.
Nettetal nicht zu den extrem schlechten Standorten.
Durch die Kalkung haben wir die Gewissheit, dass der günstige
Erhaltungszustand der Böden, sie wiesen in ihrer Mail darauf hin, erhalten
bleibt.
Ich kann Ihnen versichern, dass es sich bei der Maßnahme um eine reine
Kalkung und nicht etwa um eine 'verdeckte' Düngung gehandelt hat.
Mit freundlichen Grüßen
Was sollen wir nun davon halten?
Fragende Grüße von
Sabine & Holger

Hallo Sabine und Holger,

zunächst einmal Vielen Dank für eure Bemühungen hinsichtlich der Nachfrage.
Es ist schon interessant zu Wissen dass es immer noch Gebiete in Deutschland gibt wo per Rundumschlag reine Kalkungsmaßnahmen durchgeführt werden.

Bei der Maßnahme handelt es sich praktisch um eine indirekte Düngung.
In den meisten Böden stimmen die Basenversorgung (=Sättigung des Bodens mit Calzium (Ca), Kalium (K) und Magnesium (Mg)) mit der Nährstoffversorgung (= Versorgung des Bodens mit Stickstoff (S) und Phosphor (P))überein.
D.h. dass nähstoffereiche Böden i.d.R. auch eine gute Basensättigung haben.
Damit die Nährstoffe von den Pflanzen aufgenommen werden können ist eine bestimmte Basensättigung notwendig, da die meisten Nährstoffe im Boden ungebunden und damit für Pflanzen nicht verfügbar sind. Ein wichtiger Faktor der Bodenfruchtbarkeit ist hierbei die sog. Austauschkapazität.
Diese nimmt mit zunehmender Basensättigung zu da der Anteil der für die Nährstoffbindung verantwortlichen Kationen (hier Ca2+ und Mg2+) zunimmt. Die Nährstoffe werden also gebunden und sind für die Pflanzen verfügbar. Soweit nur zum Verständnis warum es sich um eine indirekte Düngung handelt.

Durch das Ausbringen von Basen wird also ein nicht unerheblicher Düngeeffekt erzielt der sicher nicht ohne Auswirkung auf die Funga bleibt. Zum einen sind die Mykorrhizapilze auf bestimmte Nährstoff- und Basengehalte des Bodens "angepaßt" und bei Veränderungen derselben im Boden kommt es über kurz oder lang auch zu Veränderungen der Mykorrhiza-Pilzarten. Die unterschiedlichen Gattungen der Ektomykorrhiza-(engl. ECM) pilzarten reagieren auch unterschiedlich sensibel. Z.B. haben Cortinarius-Arten sehr viele sog. abziehende Hyphen an den ECM und damit eine sehr große Kontaktoberfläche im Bodenraum. Andere ECM-Pilzarten haben geringere Kontaktoberflächen und reagien nicht ganz so sensibel. Die durch Wasser- und Nährstoffmangel motivierte und für die ECM-Bildung mit verantwortliche Ausschüttung von Phytohormonen (Auxinsynthese) wird reduziert. Auch dadurch können sich Veränderungen ergeben.

Eine weitere mögliche Folge ist auch die zunehmende Verkrautung der betreffenden Wälder. Diese ist von verschiedenen Faktoren wie z.B Tiefgründigkeit des Bodens und dem Kronenschluß abhängig. Bei lockeren Kronenschluß kommt mehr Licht und Wärme auf den Boden. Dies führt zu einer beschleunigten Nährstofffreisetzung und hat damit neben dem Effekt der Vekrautung auch Einfluß auf die Funga.

Abschließend möchte ich noch anmerken dass es natürlich schwierig ist aus der Entfernung etwas genaueres zu sagen. Es scheint mir aber ein klassisches Beispiel dafür zu sein, was regelmäßig und weitestgehend unbemerkt in unseren Wäldern vorgeht. Nach den von euch gegebenen Informationen kann ich mir nicht vorstellen, dass eine Kalkung in diesem Wald aus ökologischer Sicht einen Sinn macht.
Die überflüssige Düngung unserer Wälder, egal ob direkt oder indirekt, hat zumeist negativen Einfluß auf die Artenvielfalt der Funga und Flora und damit zwangsweise auch der Fauna.

Viele Grüße
pilzliebhaber

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