Re: Wer sagt Ranga Yogeshwar bescheid?
Hallo Bernd,
genau das hatte ich ja gemeint - es kommt darauf an, wie man das Wort
"Pilz" definiert.
Man könnte z.B. auch sagen, dass ein Wal und ein Fisch sei. Dass Wale
verwandtschaftlich zu den Säugetieren gehören und meines Wissens - wenn
ich das jetzt nicht falsch im Kopf habe - mit den Bären verwandt sind,
bedeutet ja auch nicht, dass die Zoologen, die an Bären forschen auch Wale
bearbeiten müssen.
Dein Blick auf die Pilze ist ein rein historischer, wie Du ja selber sagst.
Dann müsste man aber auch konsequent sein und die Flechten nicht als Pilze
sehen, obwohl es biologisch selbstverständlich Pilze sind.
Es gibt sogar enge Verwandtschaftsgruppen, in denen sowohl lichenisierte wie
auch nicht lichenisierte Arten enthalten. Traditionell werden Flechten
aber nicht von Mykologen, sondern von Lichenologen bearbeitet.
Dass die deutschsprachigen Namen für Pilzarten keinem Nomenklaturcode
unterworfen sind, da sind wir uns, denke ich, völlig einig. Ich fand es
immer schon albern, jede Umkombination ins Deutsche zu übertragen
(Maischönkopf statt Mairitterling... *grusel*). Aber manche Begriffe
definieren biologische Zusammengehörigkeiten - auch im Deutschen.
Tiere sind nunmal Tiere - oder sollte man sessile Korallen wie früher so
geschehen nicht zu den Tieren zählen?
Pflanzen sind nunmal Pflanzen. Und auch hier gibt es das Problem der Algen,
die nicht zu den Pflanzen i.e.S. gehören (z.B. Braunalgen, Rotalgen usw.).
Pilze sind Pilze, egal ob lichenisiert oder nicht, egal ob saprob lebend oder
Mykorrhizapilz, egal ob Destruent oder Symbiont, egal ob ein- oder
vielzellig.
Bakterien wiederum sind für mich weiterhin Prokaryoten. Actinomyceten sind
für mich beispielsweise keine Pilze.
Zudem kann man im Deutschen auch ganz bequem sagen: pilzartige Organismen...
Aber vielleicht sind das auch biologische Spitzfindigkeiten.
Deine Argumente sprechen für mich eher dafür, die Pilze als Begriff ganz zu
streichen und sie zu den Pflanzen zu zählen. Historisch gesehen ist die
Mykologie eine Teildisziplin der Botanik. Die meisten Profimykologen (bei
uns) - oder mittlerweile alle(?) - sind offiziell Botaniker (Lehrstuhl für
spezielle Botanik usw.) oder gar Mikrobiologen (sind Pilze dann doch
Bakteiren?).
In der Gesetzgebung sind Pilze immer noch Pflanzen. Passt also auch.
Die Zeitschrift GEO lässt die Pilze bei ihren Tagen zur Artenvielfalt immer
noch als Mycophyta laufen.
Mir dreht es als Biologen dabei zwar den Magen um, aber was ist schon dabei?
Denke ich Deinen Ansatz konsequent weiter, sind alle Pilze und sogar manche
Bakterien (Blau"algen", Strahlen"pilze" =
Actinomyzeten, Mund"flora" *grins*) allesamt
"Pfanzen".
Wenn man für sich privat den Begriff "Pflanze" so definiert, ist
das halt so. Und das ist die historische Sichtweise.
Wenn Du den Begriff "Pilz" für Dich so definierst, wie Du es hier
darlegst, ist das ebenfalls so und niemand kann Dir hier reinreden. Er ist
weniger historisch, eben ein kleines Stück moderner, da Du die Pilze von
den Pflanzen abkoppelst (warum eigentlich?).
Ich möchte nur zu bedenken geben, dass manchmal Dritee (andere Leser) solche
Ansichten auch im biologischen Sinn übernehmen, da nicht jeder genau weiß,
ob es nur eine historische Interpretation ist oder ob es um biologische
Begriffe geht, die Verwandtschaften darstellen sollen.
Ich finde es beispielsweise sehr schade, dass viele Flechten nicht als Pilze
wahrnehmen, nur weil sie statt mit Bäumen (z.B. Steinpilz) eben mit Algen
(z.B. Xanthoria - ein wunderschönder Ascomyzet) zusammenleben.
Das führt dann zu solchen wunderbaren Blüten, dass in manchen Büchern zu
lesen ist, dass Omphalina ericetorum auf einer Flechte parasitiert...
Dabei ist er selber die Flechte und der Lamellenpilz ist nur der
Fruchtkörper der Flechte.
Mir ist das alles zu kompliziert. Müsste ich auf einer Exkursion erklären,
dass dieser kleine zierliche Lamellnpilz gar kein Pilz ist, weil er -
obwohl ein Basidiomyzet - in seinem Myzel Algen als Zuckerproudzenten hält
und deswegen eine Flechte und kein Pilz ist, komme ich mir sehr komisch
vor.
Da finde ich es leichter zu sagen, dass eine Flechte in Pilz ist und ein
falscher Mehltau kein Pilz ist, sondern nur aussieht wie einer.
Als Abschluss: Für mich ist die Entenmuschel auch keine Muschel, sondern eine
Crustaceae (Krebstier), trotz oberflächlicher Ähnlichkeit mit einer
Muschel. Den deutschen Namen der Art ändere ich deshalb aber nicht, denn
der Begriff Entenmuschel ist eingeführt und jeder weiß, was man damit
meint.
Die Diskussion ist eigentlich müßig, da Du jeden Begriff so verwenden kannst,
wie Du möchtest. Ich finde es aber interessant, herauszubekommen, warum so
oft an solchen Begriffsdefinitionen (wie "Mycophyta" oder
"Pflanze" im juristischen Sinne) festgehalten wird.
Allein, den Umkehrschluss über Begriffe wie "Mykologe",
"Lichenologe", "Botaniker", "Phycologe" usw.
kann ich für mich gar nicht nachvollziehen. Ein Phycologe schaut sich
Algen an, weshalb "Blaualgen" keine Nakterien mehr sein dürfen?
Ein Mykologe schaut sich auch Schleimpilze an, weshalb sie keine Amöben
mehr sein dürfen? Beliebig fortsetzbar...
Schau Dir mal einen jungen Babyschleimpilz an. Na, wenn das keine Amöbe ist!
Oder schau dir mal Dictyostelium an. Der bleibt Zeit seines Lebens als
kleine Amöbe. Dass sie sich später treffen und gemeinsam einen winzigen
"Fruchtkörper" bilden ist putzig, aber vorher kriecht das
Gesamtgebilde wie ein Wurm durch die Landschaft. Es gibt schöne
Filmaufnahmen davon. Wenn Du Dir das mal anschaust, dann würde mich
interessieren, was an Dictyostelium überhaupt pilzartig sein soll.
Liebe Grüße
Christoph
(der nicht aus seiner Biologenhaut kann)
Hallo Christoph,
die "Biologenhaut" ist ja sehr wertvoll und wenn man das von Anfang an richtig studiert hat, hat man einen guten Vorteil.
Ich lerne aus unserer Diskussion, dass für die lateinisch-wissenschaftlichen Namen die Nomenklaturregeln zuständig sind, aber für die deutschen Begriffe die historische Dimension beachtet werden sollte und auch der Einfluss des Sprachgebrauchs maßgebend ist. Das erinnert also dann eher an die Diskussionen zu den jeweiligen Rechtschreibreformen. Leider gibt es auf dem Gebiet der Regeln für deutsche Namen im deutschsprachigen Mitteleuropa kaum irgendwelche Initiativen, die als wirkliche Richtschnur gelten könnten.
Herzliche Grüße aus Bonn
Bernd
