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Re: Incertae sedis?

Jochen Girwert, (vor 6833 Tagen) @ UweL

Hallo,

in meinen Ohren klingt die Aussage, dass es keine Familien und dergleichen in der Realität gäbe so, als sei es ohnehin müßig, sich damit zu befassen. So überspitzt ist das sicher nicht gemeint. Individuen unterscheiden sich, Populationen unterscheiden sich, die Evolution fließt. Das ist eben so; trotzdem kann man dem System ja nicht vorwerfen, dass es sozusagen mit Schubladen arbeitet, sonst wäre es doch kein System.
Oder was missverstehe ich hier?

Alles Gute, Jochen.

Hallo Forum,
also, ich möchte die Meinung von Andreas unterstützen, dass es "in der
Realität keine Gattungen, Familien, Ordnungen etc." gibt. Ich möchte
hier keine wissenschaftstheoretische Abhandlung schreiben, auch wenn mich
solche Themen schon mehrfach wissenschaftlich umgetrieben haben. Jedoch
möchte ich zu Andreas' Statement noch hinzufügen, dass die
"moderne" Taxonomie (und all ihre Probleme) im 18. Jahrhundert
geschaffen wurde von Protagonisten wie Linné u.a., dass die Schaffung
dieser Taxonomie von einem bestimmten weltanschaulichen Impetus geleitet
war (Stichwort: Aufklärung, Glaube an die rationale Durchdringbarkeit der
Welt, Annahme eines universalen Kausalitätsprinzips usw.), dass bestimmte
technische Neuerungen überhaupt ein weiteres "Eindringen" in
Naturzusammenhänge möglich machte (Stichtwort: Verbesserung und
Popularisierung des Mikroskops u.a.), dass "Natur" überhaupt zu
etwas wurde, dass man nicht mehr nur als "feindlich", sondern
als "erforschenswert" ansah (s.o. Rationalität), dass
Institutionen geschaffen wurden, die eine solche Forschungsarbeit
unterstützten usw. usf.
Das Ergebnis dieser "Umstellungen" war neben vielem anderem eben
dieses taxonomische System; aber entsprechend der oben genannten
wissenschaftlichen Ordnungsparameter konnte es nur ein starres System
sein, das mit einer Ja/Nein-Logik arbeitet; die "Natur" aber
kennt keine starren Systeme (spätestens seit Darwin ist das klar), sondern
hat ihre eigene evolutionäre "Geschichte" und Dynamiken, die
sich gerade nicht nach simplen Ja/Nein-Mustern richtet und daher der
Taxonomie immer wieder Schwierigkeiten bereitet. Um wieder etwas konkreter
zu werden: Das trifft ja teilweise schon auf Fruchtkörper einer einzigen
Kollektion zu: Wer kennt das nicht? Die Pilze sehen alle irgendwie gleich
aus, aber unterm Mikroskop sieht man plötzlich eine Variationsbreite der
Merkmale, die man nicht erwartet hat. Immer dieselben Fragen: Sind das
mehrere Arten? Ist das eine Art mit großer Variationsbreite? Ist das, was
die Literatur dazu sagt, das einzig Mögliche? Gibt es überhaupt eine
"gute" Art für diesen Merkmalskomplex? (Interessant ist hier,
dass es nicht um "wahre" Arten, sondern um "gute"
geht! Ein Werturteil!) Es sei hier auch noch einmal an die schwierigen
Diskussionen im Forum um Otidea erinnert; was macht eine Öhrlingsart zu
einer guten Öhrlingsart? Welcher Gattungs-"Schlüssel" ist der
richtige? ...
Um das Ganze etwas abzukürzen, denn ich konnte die in den anderen Threats
aufgeworfenen Fragestellungen hier kaum skizzenhaft andeuten: Wer sich
dafür interessiert, wie "Ordnungen" entstehen (nicht nur im
biologischen Systemen) und wie sie einfach wieder "verschwinden"
können (und dann nur noch "historisch" sind) und wer
gleichzeitig einen Blick auf die historischen Umbrüche vom 17. zum 18. und
vom 18. zum 19. Jahrhundert werfen möchte und schließlich auch den Mut
hat, sich mit einem schwierigen Text auseinanderzusetzen, dem sei das
berühmte Buch "Die Ordnung der Dinge" (1966) des französischen
Wissenschaftstheoretikers Michel Foucault empfohlen.
Soviel, ganz kurz, am Samstag morgen...
VG Uwe

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