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Re: Legende? Wirklich? Nun gut...

Andreas ⌂, (vor 5872 Tagen) @ Christoph

Hallo Christoph,

schön zusammengefasst und exakt meine Meinung wiederspiegelnd. Die von Dir zusammengestellten Fakten waren mir auch so bekannt, allerdings habe ich noch keine Quelle für die polnischen Grünlingsfälle gefunden. Hast Du da zufällig ein Zitat?
Die japanischen Forscher haben im Übrigen auch den Wirkstoff aufgeklärt: Cycloprop-2-encarbonsäure.

In diesem Zusammenhang sehr interessant finde ich in dieser Publikation folgendes Zitat (Fettdruck von mir):
Das Gift löst eine sogenannte Rhabdomyolyse aus: Muskelfasern lösen sich hierbei auf, was zu schwerer Herzschädigung führen kann, aber auch Nierenschäden sind zu erwarten, da Myoglobin und das darin enthaltene Häm die Tubuluszellen verstopft.
Tja, das wirft in meinen Augen ein ganz neues Licht auf die tödlichen Vergiftungen mit Cortinarius meinhardii, dem Dottergelben Nadelwald-Klumpfuß, in Frankreich. Bis heute ist nämlich noch keinem Forscher gelungen, in C. splendens und Verwandten Orellanin nachzuweisen. Man war sich damals aber sicher, dass die Todesfälle durch Nierenversagen eben auf den Cortinarius zurückzuführen sein müssen, denn der Grünling war ja ein unverdächtiger Speisepilz .... Für mich ist aus heutiger Sicht gar nicht sicher, ob diese gelben Klumpfüße wirklich giftig sind. Der nahe Verwandte C. odorifer ist ja bekanntermaßen essbar.
Das soll um Gottes Willen kein Aufruf zu Selbstversuchen sein!!! Aber zum Nachdenken anregen darf es schon ;-))

beste Grüße,
Andreas

Hallo Ingo, Stephan und alle Mitdiskutanten in der Runde,
ob es sichbei den hier im Thread aufgezählten Taxa um Arten oder Varietäten
handelt, lasse ich mal außen vor (wobei ich dieses "alles auf den
ersten Blick ähnliche kann/darf/soll nur eine Varietät sein, nicht teile).
Mir geht es zunächst um die Grünlinge und deren Giftwirkung (das
Zusammenschmeißen der weiß- und gelbfleischigen Grünlinge ist mir immer
schon suspekt gewesen - mittlerweile gibt es ja noch mehr
Grünlingsarten... die Genetik wird da sicher helfen).
Fakt ist, dass in Frankreich Menschen gestorben sind. Die Fälle sind belegt
und publiziert und sollten hinlänglich bekannt sein.
Fakt ist, dass in Frankreich Tierversuche durchgeführt wurden und die
Grünlinge, die verwendet wurden, von einem Namhaften Mykologen bestimmt
wurden, der sicherlich einen Grünling von Tricholoma aestuans
unterscheiden kann (der wirklich anders aussieht - ich kenne ihn aus der
Region Kehlkein, Inlandssanddünen bei Siegenburg).
Fakt ist ferner, dass in Finnland weitere Versuchsreihen ausgeführt wurden
und ebenfalls publiziert wurden. Hier wurden weitere, bekannte Speisepilze
als potentielle Rhabdomyolyseverursacher erkannt, so auch der
Fichtensteinpilz.
Fakt ist zudem, dass in Japan Russula subnigricans (Ja, in Japan werden
Schwärztäublinge gesammelt, gehandelt und gegessen) einige
Rhabdomyolysefälle ausgelöst hat, dies aber nur auf einer Insel, nicht in
ganz Japan.
Zurück zum Grünling: Fakt ist, dass nicht nur in Frankreich, sondern auch in
Polen Grünlingsfälle auftraten.
Vieles weiß man nicht, klar. Die Frage ist, wie oft hintereinander muss man
in kurzer Zeit Grünlinge essen (und in welchen Mengen), bis eine
Vergiftung auftritt?
Hier kann der Tierversuch keine Auskunft erteilen. Der Versuch an Mäusen
zeigt nur, dass der Pilz diese physiologische Wirkung (Rhabdomyolyse)
ausläsen kann. Übertragbar auf den Menschen ist das nicht 1 zu 1. Daraus
aber zu schließen, die Versuche seien nichts wert (habe ich auch oft genug
gehört - manche haben sie sogar lächerlich gemacht), ist leider ein
Fehlschluss. Die Versuchsreihe in Finnland scheint nebenbei bemerkt sehr
seriös zu sein, soweit ich das beurteilen kann.
Was macht man jetzt also? Ein Pilz hat Menschenleben gekostet (aufgrund des
Verzehrs). Die physiologische Wirkung ist in mehr als einem Tierversuch
bestätigt worden. Niemand weiß, was die kritische Menge an Grünlingen ist,
um einen Menschen zu gefährden. Niemand weiß, ob die Wirkmenge nicht auch
von Mensch zu Mensch verschieden ist...
Also spekuliert man. Einmal essen ist ja sicher nicht schlimm. Zweimal geht
vielleicht auch (einmal aufwärmen) - hat ja so gut geschmeckt... Wo zieht
man die Grenze?
Ich kann die Grenze nicht ziehen. Ich will das auch gar nicht. Wir haben
genug gute Speisepilz - ich muss keinen Pilz verspeisen, der bereits
Menschen getötet hat. Den Kick brauche ich nicht. Ich habe den Grünling
einmal gegessen - bevor die Rhabdomyolysefälle bekannt waren. Und zwar in
Polen. Ja, er hat gut geschmeckt, aber er war auch nicht so
ultragigantisch, als dass ich nicht gut auf ihn verzichten könnte.
Würde ich ihn aber beharrlich weiter essen wollen, da ja schonmal nichts
passiert ist, könnte ich das natürlich tun. Halt in Form von
Einzelgerichten, da hier ja noch kein Fall bekannt wurde. Das ist
vielleicht auch harmlos, da die Wirkung vielleicht erst nach viermaligem
Essen im Pfundbereich eintritt. Ich weiß das aber halt leider nicht
sicher. Würde ich dann alle Meldungen, die medizinische Forschung, die
Erfahrungsberichte als "Legenden" abtun und auf gut bairisch
"an Schmarrn" nennen, würde ich mich bei meinem Essverhalten
vielleicht sicherer fühlen. Aber das ermutigt andere, es mir gleich zu
tun. Und was würde mir das bringen? Bestätigung, weil mehr Menschen
ebenfalls Grünlinge essen? Braucht man das, bräuchte ich das?
Nein, und deshalb bin ich vermutlich auch einer der etwas hysterischen PSV,
die den Grünling als potentiell tödlich einstufen, ihm als Buchautor einen
kleinen Totenkopf verpassen und dadurch ein PSV, der einfach auf Nummer
sicher geht. Zudem bin ich nicht am Verhungern - ich "muss"
keine Grünlinge essen.
LG
Christoph

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